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Call for Papers: Die Umwelt– und Klimabewegung im Spannungsfeld von Protest und Partizipationsverfahren, Auftakt-Workshop des Arbeitskreises Umwelt- und Klimabewegungen, Berlin, 30.01.2016, Organisator_innen: Jana Bosse (Freie Universität Berlin), Sebastian Krätzig (Leibniz Universität Hannover), Romina Ranke (Leibniz Universität Hannover)

Gesellschaftliche Konflikte um den Schutz der Umwelt und natürlicher Lebensräume sowie die Nutzung von Flächen und natürlichen Ressourcen haben im 21. Jahrhundert keineswegs an Relevanz verloren. Das Spektrum reicht dabei vom konkreten Schutz seltener Vogelarten bis hin zum scheinbar abstrakten Schutz des Klimas. Verschiedene zivilgesellschaftliche Akteure versuchen, mit unterschiedlichen Strategien Einfluss auf politische und gesellschaftliche Aushandlungsprozesse zu nehmen und Themen neu auf die politische Agenda zu bringen. Dabei nutzen sie verschiedene Formen politischen Engagements und gesellschaftlicher Einflussnahme. Dies reicht von eher klassischen Formaten wie Streiks und Demonstrationen bis hin zu zivilem Ungehorsam oder rein digitalem Cyberaktivismus, von organisierten Partizipationsverfahren und Hintergrundgesprächen über (medial inszenierten) Protest bis hin zu Widerstandspraktiken und Direct Action.

Durch transnationale Vernetzungsprozesse finden auch Perspektiven aus dem globalen Süden sowie der „Environmentalism of the Poor“ vermehrt Eingang in öffentliche Diskurse. Zudem lässt sich eine Vernetzung verschiedener Themenfelder wie Umwelt, Klima, Wirtschaft und Ernährung beobachten. Eine Diversifizierung findet ebenso statt wie eine strategische Nutzung des Umweltframes zur Durchsetzung lokaler Interessen. Dies macht es immer schwieriger, den Kern dessen zu definieren, was eigentlich die Umwelt- und Klimabewegung ausmacht.

Somit steht auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Umweltbewegung vor neuen Herausforderungen: mit welchen Theorien und Methoden können wir uns dem Gegenstand nähern? Wie können wir empirische Phänomene adäquat beschreiben? Worauf verweisen die Dynamiken im Spannungsfeld zwischen Partizipation und Protest mit Blick auf gesamtgesellschaftliche Entwicklungen? Wie erfolgen innerhalb zivilgesellschaftlicher Gruppen Aushandlungsprozesse über Strategien und Handlungsformen und wie erfolgversprechend sind sie?

Um diese und weiterführende Fragen zu diskutieren, laden wir zu einem eintägigen Workshop am 30.01.2016 in Berlin ein. Der Workshop soll Raum bieten für die Vernetzung mit anderen Bewegungsforscher_innen im Themenfeld „Umwelt und Klima“ sowie für den Austausch über unsere jeweilige Forschungsarbeit. Im ersten Teil des Workshops soll die Möglichkeit bestehen, Feedback zu eigenen Texten zu erhalten. Anschließend möchten wir einen Open Space zur Diskussion gemeinsamer Fragestellungen und möglicher Zusammenarbeit durchführen. Dabei soll auch die Frage im Raum stehen, ob wir zukünftig in einem „Arbeitskreis Umwelt und Klima“ enger zusammenarbeiten möchten, welche Ziele wir hierbei verfolgen und welches Format dafür in Frage kommt.

Interessierte bitten wir, sich bis zum 01.11.2015 mit einer E-Mail bei uns zu melden. Bitte schreibt einige Stichwörter dazu, zu welchen Fragestellungen Ihr arbeitet, worüber Ihr Euch gerne inhaltlich austauschen möchtet und in welchen Bereichen Ihr Euch eine Zusammenarbeit wünscht. Einsendeschluss für die Texte oder Paper als Diskussionsgrundlage für den ersten Teil des Workshops ist der 31.12.2015. Sie werden anschließend zur Vorbereitung an alle Teilnehmenden verschickt.

Termine:
bis 01.11.2015: Anmeldung per E-Mail an sebastian.kraetzig(at)hotmail.de
bis 31.12.2015: Einreichung der Beiträge (Paper, Kapitelentwürfe oder ausführliche Abstracts)
30.01.2016: Workshop

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Call for Papers: Entgrenzte politische Teilhabe? Beiträge zu einer politischen Soziologie transnationaler Mobilisierungs- bzw. Partizipationsprozesse, Arbeitstagung des DVPW-Arbeitskreises Soziologie der internationalen Beziehungen (SiB) in Kooperation mit dem Verein für Protest- und Bewegungsforschung, 12. Juni 2015, Technische Universität Berlin

Der Workshop beschäftigt sich mit der sozialen Konstruktion und Transformation politischer Teilhabe, die sich im Zuge einer Migration von Entscheidungen in inter- bzw. transnationale Institutionen ebenfalls transnationalisiert. Ausgangspunkt ist dabei zum einen die gängige Beobachtung, dass sich globales Regieren immer mehr für nichtstaatliche Akteure (Unternehmen, Verbände, Gewerkschaften, NGOs) öffnen – nicht zuletzt (aber auch nicht nur) im Zuge des viel beachteten „participatory turns“ internationaler Organisationen und Foren. Gleichzeitig wissen wir jedoch wenig darüber, welche vorangehenden Ressourcen, Prozesse und Machtkonflikte Zugangsmöglichkeiten für bestimmte Gruppen bzw. Akteure schaffen oder beschränken. Auch reproduziert sich eine sowohl inner- als auch zwischengesellschaftliche Ungleichheit an materiellen und immateriellen Ressourcen augenscheinlich auf der Ebene transnationaler Teilhabe(chancen), was deren soziologisch fundierte Analyse zum zentralen Ausgangspunkt einer kritischen IB macht. Die Grenzen zwischen Partizipation und Mobilisierung verwischen dabei zusehends; eine soziologische Perspektive scheint schließlich auch prädestiniert, das sich wandelnde Verständnis von Teilhabe selbst zu rekonstruieren. Sowohl die Konstruktion als auch die Nutzung von Zugang wird somit zu einem Produkt komplexer – i.w.S. sozialer – Mechanismen, deren Analyse einer bereits in Ansätzen vorhandenen, aber bislang kaum integrierten „politischen Soziologie transnationaler Mobilisierungs- bzw. Partizipationsprozesse“ aufgegeben ist. Wir laden alle Interessierten herzlich dazu ein, Beitragsvorschläge einzureichen. Mögliche Themenbereiche und Fragestellungen sind:

  • Inwiefern generieren transnationale Mobilisierungsprozesse neue transnationale Beteiligungsmöglichkeiten oder unterminieren diese? Unter welchen Bedingungen gibt es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen Partizipation und politischer Teilhabe in Form von Mitgestaltungsmöglichkeit? Welche Mechanismen übersetzen Partizipation in Macht und Einfluss?
  • Wie steht es um die interkulturelle „Reisefähigkeit“ von Partizipationsformen und Inklusionsmechanismen, d.h. inwiefern ermöglichen etwa transnationale Kampagnen eine – unter normativen Gesichtspunkten gerechte bzw. faire – politische Teilhabe über kulturelle Grenzen hinweg?
  • Inwiefern führt eine institutionalisierte Inklusion seitens internationaler Institutionen zu einer Reproduktion transnationaler Eliten bzw. politischer Ungleichheit? Oder gibt es transformative Rückkopplungsschleifen transnationaler Inklusion auf lokale oder nationale Machtverhältnisse?
  • Inwiefern ist Zugang und Einfluss begleitet von Kämpfen um Anerkennung und Akzeptanz zwischen nichtstaatlichen Akteuren? Wie verlaufen Auseinandersetzungen zwischen um Einfluss ringende NGOs, SMOs, think tanks, MNCs, Gewerkschaften ect.? Welche Rolle spielt dabei Legitimitätsgewinne durch Netzwerkbildung?
  • Welche neuen transnationalen Beteiligungsformen entstehen im Kontext transnationaler Unternehmen und ihrem supply chain governance? Inwiefern weisen solche Beteiligungsformen (z.B. Partizipation in Multistakeholderinitativen, political consumerism, oder corporate campaigning) Ähnlichkeiten zur Teilhabe in internationalen Organisationen auf?

Deadlines
Beitragsskizzen (Max. 500 Wörter) 1. April 2015
Benachrichtigung der Annahme 15. April 2015
Abgabe der Papiere 01. Juni 2015
Workshop 12. Juni 2015

Die Beitragsskizzen können per E-Mail an die beiden Organisatoren geschickt werden.

Kontakt
Matthias Ecker-Ehrhardt
Arbeitsstelle Transnationale Beziehungen, Außen- und Sicherheitspolitik
Freie Universität Berlin
ecker(at)zedat.fu-berlin.de

Sabrina Zajak
Institut für soziale Bewegungen
Ruhr-Universität Bochum
Sabrina.zajak(at)rub.de

Dorothée de Nève und Tina Olteanu (Hrsg.): Politische Partizipation jenseits der Konventionen, Leverkusen: Verlag Barbara Budrich 2012

deNève&Olteanu 2012Graffiti, Flashmobs, LeserInnenbriefe, Losentscheide, Massenverfassungsbeschwerden, Occupy Wall Street, Predigten und strategische Prozessführung – die Ausdrucksformen politischer Partizipation sind vielfältig. Die hier im Fokus stehenden Partizipationsformen sind unkonventionell, weil sie bestehende Konvention (wieder-)beleben oder politisieren und neue Partizipationsinstrumente erfinden.

In diesem Buch werden die Potenziale unkonventioneller Formen der Partizipation theoretisch erörtert und empirisch untersucht. Die Analysen nehmen eine typologische Einordnung dieser unkonventionellen Partizipationsformen vor und untersuchen ihre Funktionen sowie Inklusionspotenziale in politischen Prozessen der Demokratie. Diskutiert werden außerdem die Interdependenz zwischen verschiedenen politischen und sozialen Partizipationsformen sowie die Kooptierung und Kommerzialisierung von Partizipationsinstrumenten.

Mehr Informationen auf der Verlagsseite

Interview mit Dorothée de Nève und Tina Olteanu bei Swissinfo.ch

Internet & Partizipation. Bottom up oder Top down? Politische Beteiligungsmöglichkeiten im Internet. Tagung am 1. Dezember 2012, Universität Hamburg. Organisatorin: Kathrin Voss

Mit dem Internet wurde schon früh die Vision einer partizipativen Gesellschaft verbunden, die Vorstellung, das neue Medium würde zu politisch besser informierten Bürgern und zu mehr Bürgerbeteiligung führen. Skeptiker hingegen gehen davon aus, dass die bestehenden Barrieren zwischen Individuum und politischer Öffentlichkeit nicht technischer, sondern sozialer Natur sind und daher auch durch das Internet nicht aufgehoben werden können. Zwischen der eher technikdeterministischen und der technikindifferenten Position bewegen wir uns auch noch heute. Mit dem Social Web sind neue Möglichkeiten entstanden, die von zivilgesellschaftlichen Organisationen ebenso eingesetzt werden wie von Parteien oder von staatlicher Seite – von E-Petitionen bis zur Piratenpartei, von Wikis bis zu Open Data und Adhocracy. Was funktioniert? Wer beteiligt sich? Wie lassen sich Menschen online mobilisieren? Welchen Einfluss haben die neuen Online-Tools auf die politische Kommunikation, auf politische Entscheidungen und auf das politische System selbst. Diese Tagung wird sich dem Thema „Internet und Partizipation“ aus unterschiedlichen Perspektiven widmen, sowohl von der zivilgesellschaftlichen Seite, also bottom-up, als auch von Seiten der Politik, also top-down. Dabei sollen nicht nur wissenschaftliche Ergebnisse zusammengetragen und diskutiert werden, es soll auch eine Brücke von der Wissenschaft zur Praxis gebaut werden und Erkenntnisse und Erfahrungen sollen ausgetauscht werden. Deshalb werden sowohl Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als auch Vertreter aus der Praxis, aus zivilgesellschaftlichen Organisationen, aus der Politik aber auch aus den Medien eingeladen. Für die Konferenz wurde ein Format gewählt, das viel Raum für Diskussionen lässt.

Programm, Anmeldung und alle Details auf der Kongressseite
Programm als pdf

Call for Papers „Digitale Gesellschaft – Partizipationskulturen im Netz“, DGPuK CvK-Fachgruppentagung, Bonn, 8.-10. November

Dass das Internet die Strukturen von Partizipation, Öffentlichkeit, Konsum und Politik verändert, ist einer der zentralen Ausgangspunkte der Debatte um die Mediatisierung der Gesellschaft. Dabei zeichnen sich zwei Tendenzen ab, die in ihren Bewertungen kategorial differieren. Einerseits finden sich explizit medienenthusiastische Positionen, die von neuen Möglichkeiten der Partizipation ausgehen und die Freiheit des Users im Mittelpunkt der Debatte sehen. Diese Sichtweise zeichnet die politischen Zugänge aus, die von einem „Digitalen Arabischen Frühling“ sprechen und neue Formen und Optionen für zivilgesellschaftliches Engagement sehen. Sie lässt sich zudem auf andere Bereiche der Gesellschaft, in denen sich neuartige Teilnahmemöglichkeiten eröffnen – z.B. Konsum und Unterhaltung – erweitern.

Eine kritische Perspektive dagegen ist von grundlegender Skepsis gegenüber dem Internet gekennzeichnet und geht davon aus, dass das Internet eben nicht weitere Bevölkerungskreise integrieren und mobilisieren kann, sondern dass existierende Tendenzen und Strukturen, auch die der Ungleichheit, im Sinne der Verstärkungshypothese intensiviert würden. Damit, so die Annahme, gingen auch neue soziale Ausschluss- und Fragmentierungsprozesse einher, die sich durch die zunehmende Digitalisierung der Gesellschaft ständig weiter verschärften.

In diesem Zusammenhang stellt der hochfrequent und häufig unscharf verwendete Begriff der Partizipation einen wichtigen Gegenstand der theoretischen Überlegungen dar. Neben der grundsätzlichen Frage, ab wann ein User als „Partizipient“ zu werten ist, ist auch das rasch wachsende Medienrepertoire, welches weitere Beteiligungsoptionen an Online-Diskursen eröffnet, ein Grund für die nicht temporäre Festschreibbarkeit des Begriffs. Partizipation wird aus der Sicht der Politik als Prozess einer politischen Handlung zwischen Individuen und der Gemeinschaft verstanden und gehört zu einem Beziehungsgeflecht aus teils substitutiv, teils kontradiktorisch verwendeten Begriffen (z.B. Teilhabe, Beteiligung, Demokratisierung, Mitbestimmung, Mitwirkung etc.). Vor allem mit der zunehmenden Verbreitung des Internets haben sich in den letzten Jahren neue Partizipationsformen gebildet, die von veränderten technologischen und medialen Rahmenbedingungen profitieren. Insbesondere die politische Mobilisierung eines jüngeren Publikums wird gemeinhin den Netzmedien zugesprochen. […]

Der tiefgreifende Einfluss des Internets auf unsere Gesellschaft wird kaum mehr angezweifelt. Umso wichtiger ist es, den zugrundeliegenden Mechanismen der „digitalen Gesellschaft“ nachzugehen und diese systematisch zu erforschen.

Daher wollen wir uns mit der diesjährigen CvK-Fachgruppentagung diesem Thema unter dem Rahmen „Digitale Gesellschaft“ und der Schwerpunktsetzung von Partizipationskulturen annähern. Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern wird die Möglichkeit geboten, eigene Fragestellungen und Projekte aus dem Bereich der Kommunikations-, Medien- und Sozialwissenschaft anhand empirischer und/oder theoretischer Ausarbeitungen zum Thema zu präsentieren. Dabei sollen vor allem Fragen und Erkenntnisse gemeinsam diskutiert werden, die den evolutionären Prozess der Digitalisierung aus den drei genannten Bereichen analysieren und in einen breiteren kulturellen, politischen oder wirtschaftlichen Kontext setzen.

Besonders willkommen sind theoriebezogene Vorträge, die den unscharfen Begriff der „Partizipation“ problematisieren, präzisieren und modellhaft ausarbeiten.

Mögliche Themenbereiche sind:

  •  Zur Theorie und Empirie von Partizipation online
  • Bürgerbeteiligung im Netz – von S21 bis ACTA
  • Protest-Kommunikation online, digitaler Aktivismus
  • Slacktivism, clicktivism, micro-activism und Ad-Hoc-Bewegungen
  • Partizipationskulturen und Normen – wer darf wann was wo?
  • Partizipation und ihre technische Umsetzung – von Adhocracy bis Liquid Democracy
  • Partizipationskompetenzen
  • Partizipation im Netz als Konsummodell, Online-Verbraucherverhalten
  • Partizipative Präsentations- und Vermarktungsoptionen für Künstler im Netz (Crowdfunding, Musikportale etc.)
  • Unternehmenskommunikation im Netz unter Partizipationsaspekten
  • Neue Geschäftsmodelle im Social Web – Partizipation als Geschäftsmodell
  • Selbstoffenbarung und Privatsphäre im Netz: Ich partizipiere – also bin ich?
  • Partizipationskulturen in ausgewählten Gruppen (Jugendliche, Migranten, Senioren etc)
  • Grenzen der Partizipationsoptionen: Digitale Spaltungen und Marginalisierungen

Aussagekräftige Abstracts (maximal 4000–5000 Zeichen) mit Bezug zum Tagungsthema werden bis zum 30.06.2012 per E-Mail in elektronischer Form an j.schmidt(at)hans-bredow-institut.de erbeten.

Alle Details zur Teilnahme und der volle Ausschreibungstext finden sich hier.

Sebastian Bödeker: Soziale Ungleichheit und politische Partizipation in Deutschland. Grenzen politischer Gleichheit in der Bürgergesellschaft (OBS-Arbeitspapier Nr. 1)

Im Sommer 2010 protestierten mehrere zehntausend Menschen gegen den Neubau des Stuttgarter Hauptbahnhofes. Obwohl sich der Protest in der Sache gegen ein lokales Infrastrukturprojekt wendete, reichte seine Ausstrahlungskraft weit über Stuttgart und Baden-Württemberg hinaus. Der Konflikt um „Stuttgart 21“ wurde zum Katalysator für die schwelende Unzufriedenheit mit der parlamentarischen Demokratie in Deutschland. Seitdem wird intensiver über Volksentscheide, Bürgerforen, die Kontrolle politischer Eliten, Lobbyismus, Politikverdrossenheit und vieles mehr diskutiert, kurzum, über die Funktionsweise der Demokratie insgesamt. Der Protest gegen „Stuttgart 21“ wird in diesem Kontext häufig als Beleg einer starken und selbstbewussten Bürgergesellschaft ins Feld geführt, in der Bürgerinnen und Bürger sich aktiv für die Gestaltung ihrer Lebensräume einsetzen. Nicht ganz zu Unrecht wird auf die Probleme parlamentarischer Demokratie hingewiesen und mehr Möglichkeiten für die direkte Beteiligung von Bürger/-innen werden eingefordert.

Ein wichtiger Faktor bleibt in der Debatte um Bürgerbeteiligung und direkte Demokratie jedoch häufig ausgeblendet: die soziale Bedingtheit politischen Engagements. Seit den siebziger Jahren hat die soziale Ungleichheit in Deutschland und Westeuropa stark zugenommen. Einkommen und Vermögen sind ebenso ungleich verteilt wie der Zugang zu Bildung.

Die Auswirkungen von sozialer Ungleichheit auf politische Partizipation werden seit langem diskutiert, spielen jedoch in der aktuellen Debatte um mehr direkte Demokratie und Bürgerbeteiligung bestenfalls eine randständige Rolle. Dabei ist der generelle Befund eindeutig: Politische Partizipation ist maßgeblich abhängig von Einkommen, Vermögen und Bildungsgrad. Die Vermutung liegt nahe, dass dieser Befund nicht nur Auswirkungen auf politische Partizipation haben wird, sondern auch im erheblichen Maße politische Entscheidungen beeinflussen dürfte. Die demokratische Praxis in Deutschland (und anderen Industrienationen) verstärkt somit den Trend zu mehr sozialer Ungleichheit, obwohl eine Mehrheit der deutschen Gesellschaft ein potentielles Interesse an dessen Umkehrung haben sollte.

Der Fall „Stuttgart 21“ ist in mehrfacher Hinsicht ein Paradebeispiel. Die überwiegende Mehrzahl der Aktivist/-innen gehört zur gut gebildeten und relativ wohlhabenden Mittelschicht. Arbeitslose, Geringverdiener und Migranten sind hingegen selten vertreten. Ganz verwunderlich ist dies nicht, sind doch kulturelle, ökologische und städtebauliche Belange, die bei den Protesten gegen „Stuttgart 21“ eine zentrale Rolle spielen, normalerweise Themen, die in der Lebenswirklichkeit sozial benachteiligter Menschen keine besonders große Priorität genießen. Sozialproteste finden in Deutschland, im Gegensatz zu anderen Industrienationen, kaum statt. Die Belange sozial benachteiligter Gruppen finden wenig Gehör.

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen widmet sich die vorliegende OBS-Studie dem empirischen Zusammenhang von sozialer Ungleichheit und politischer Partizipation in Deutschland. Ziel der Studie ist es, einen Überblick über die Folgen von sozialer Ungleichheit auf das Partizipationsverhalten von Bürger/-innen in Deutschland zu geben. Auf der Grundlage eines breiten Partizipationsbegriffes nimmt die Studie verschiedene Formen von Partizipation und deren Zusammenhang mit sozialer Ungleichheit in den Blick. Der Autor Sebastian Bödeker wertet zu diesem Zweck eine Vielzahl sozialwissenschaftlicher Umfragedaten aus, auf dessen Grundlage er die soziale Bedingtheit politischen Engagements anschaulich belegt.

Neben der empirischen Analyse des reichhaltigen Datenmaterials zum Zusammenhang von Ungleichheit und politischer Partizipation verfolgt die Studie außerdem ein normatives Interesse. Sie möchte einen Anstoß für eine notwendige Diskussion über die Folgen ungleicher politischer Partizipation für die demokratische Praxis in Deutschland insgesamt geben. Die zentrale These der Studie lautet, dass die soziale Bedingtheit politischen Engagements das fundamentale demokratische Prinzip der politischen Gleichheit gefährdet, da die unterschiedlichen Interessen der Bevölkerung im politischen System ungleich repräsentiert und berücksichtigt werden. Rein institutionelle Reformen, wie sie z.B. in Form der Einführung von Volksentscheiden auf Bundesebene gefordert werden, können hierfür keine Abhilfe schaffen. Zwar sind solche Reformansätze aus demokratietheoretischen Überlegungen heraus sinnvoll, sie greifen jedoch insgesamt zu kurz, da sie die Ursachen politischer Ungleichheit nicht beseitigen oder kompensieren. Der Autor plädiert daher für eine breite Debatte über die sozialen Ursachen politischer Ungleichheit, auf dessen Grundlage mögliche Lösungswege gesucht werden können.

Die Studie wurde von der Otto Brenner Stiftung in Auftrag gegeben und ist in der Reihe OBS-Arbeitspapiere erschienen. Sie ist als pdf auf der Internetseite der OBS verfügbar.

Bürgerbeteiligung stärken – Veränderung gestalten. Forum für Bürgerbeteiligung und kommunale Demokratie

Ort: Evangelische Akademie Loccum

Zeit: 23. bis 25. September 2011

Bürgerbeteiligung ist heute mehr denn je unverzichtbar – dies zeigte uns das Jahr 2010 in eindrucksvoller Weise. Mehr und mehr reift die Erkenntnis, dass wir in den Städten und Gemeinden nur gemeinsam mit allen gesellschaftlichen Akteuren die Aufgaben der Gegenwart und Zukunft meistern können. Die Forderung nach mehr – nach einer besseren – Bürgerbeteiligung ist vielfach zu hören.

Um Bürgerbeteiligung auf kommunaler Ebene zu stärken, um sie selbstverständlich zu machen, müssen allerdings auch vielfältige Herausforderungen bewältigt und bestehende Hemmnisse beseitigt werden. Es bedarf der Veränderung – in den Strukturen, in den Prozessen und in den Köpfen. Doch was sollte – was muss – sich in den Städten und Gemeinden ändern, um Bürgerbeteiligung mehr Gewicht zu verleihen? Und wie kann dies geschehen? Diesen Fragen stellt sich das Forum Bürgerbeteiligung im Jahr 2011. In den Blick genommen werden dabei die Veränderungsbedarfe bei allen Akteursgruppen der Bürgerbeteiligung.

Gleichzeitig wird im Rahmen der Tagung das »Netzwerk Bürgerbeteiligung« ins Leben gerufen. Dieses Netzwerk führt Menschen und Organisationen zusammen, die sich in den Kommunen sowie auf Landes- und Bundesebene für mehr politische Partizipation einsetzen und die gemeinsam die Belange der Bürgerbeteiligung auf allen Ebenen stärken wollen.

Das »Forum für Bürgerbeteiligung und kommunale Demokratie« wendet sich an Interessierte aus Bürgerschaft, Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft, die eine bürgernahe, kommunale Demokratie mitgestalten wollen. Die Tagung wird im Jahr 2011 zum 16. Mal in Kooperation zwischen der Stiftung MITARBEIT und der Ev. Akademie Loccum durchgeführt.

Programm und Details auf der Seite der Ev. Akademie Loccum

Nach der Sommerpause beginnt am Mittwoch, den 7. September, das Kolloquium Politik von unten mit dem Programm für das zweite Halbjahr. Nach der „Sommer“pause ist das Kolloquium neu organisiert. Es findet jetzt in der Regel vierzehntägig am Mittwoch von 17-19 Uhr statt. Vier Sitzungen haben einen thematischen Schwerpunkt:

„Kämpfe um Wissen“ (6. Oktober)
„Protest und Umbruch im Arabischen Frühling“ (2. November)
„Radikale Szenen und Radikalisierung“ (30. November) und
„Wie Proteste von Rechtsradikalen erforschen?“ (14. Dezember).

Diskutiert werden weiterhin zwei Texte. Am kommenden Mittwoch diskutieren wir mit Marius Haberland (Berlin) einen Text, der aus seinem Dissertationsprojekt hervorgegangen ist. Darin geht es um die Entstehung transnationaler Räume des Widerstandes gegen die Aneignung von Land in Mexiko und Zentralamerika. Sebastian Bödecker (Berlin) stellt seinen Bericht zu sozialer Ungleichheit und politischer Partizipation vor, den er mit Unterstützung der Otto-Brenner-Stiftung erstellt hat.

Das Kolloquium findet im Wissenschaftszentrum Berlin, Raum B 002/003 statt. Mehr Details zum Kolloquium auf dieser Seite.

Symposium: Kollektive Auftrittsformen – Partizipation, Performance, Politik

Ort: Kinosaal, Stadtarchiv Bochum, Wittenerstr. 47
Datum: 22. Juni 2011

Wie verhalten sich Theater- und Massenkritik zur Begründung demokratischer Legitimität? Wie ließen sich die performativen Aspekte politischer Bildung und Vergemeinschaftung beschreiben? Mit welchem Publikumsverständnis operieren partizipatorische Einsätze in Pop oder bildender Kunst? Und welche neuen Formate sozialwissenschaftlicher Wissensgenerierung lassen sich in Auseinandersetzung mit Performancekunst entwickeln? Die geplante Veranstaltungsreihe mit internationalen Gästen setzt die Arbeit des Bochumer Instituts für Theaterwissenschaft an der Frage nach der Bestimmung kollektiver Auftrittsformen fort. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.

Details auf der Seite des Instituts für Theaterwissenschaften der RUB

An diesem Freitag findet zum vierten Mal das Kolloquium Politik von unten statt. Wir diskutieren mit Swen Hutter (München) den Entwurf zu einem Zeitschriftenbeitrag zum Thema: „When do political parties protest? A comparative study of six West European countries“ und mit Paula Marie Hildebrandt (Weimar/Berlin) über ihre Dissertation „Folge dem weißen Kaninchen… Künstlerische Interventionen im öffentlichen Raum als Wiederentdeckung politischer Partizipation oder die ‚Kunst öffentlicher Partizipation‘“.

Das Kolloquium findet Freitag um 17.00 Uhr im Wissenschaftszentrum Berlin (Raum B 002/003) statt. Mehr Details zum Kolloquium auf dieser Seite.

Swen Hutter: When do political parties protest? A comparative study of six West European countries

This paper studies the protest activities of political parties. Thus, it takes the main collective actors of electoral democracies and ask, when do parties support or facilitate protest events on the streets; i.e., when do they enter a major arena of off-electoral democracy? More specifically, the paper deals with the frequency and timing of mobilization by parties in the protest arena. The study addresses effects of time, party and country characteristics. To begin with, I develop two hypotheses on the trends over time. While Kitschelt’s differentiation hypothesis leads us to expect that political parties focus increasingly on electoral competition and leave the protest arena to social movement organizations, movement society theorists expect that political parties are increasingly involved in protest activities. Regarding party characteristics, the literature suggests that left-wing, radical, niche and opposition parties are more likely to sponsor protest events than right-wing, moderate, mainstream and government parties. Finally, I expect that the general structural setting of political mobilization also affects parties’ action repertoire in a given country. Empirically, the study relies on a major dataset covering protest events in six West European countries (Austria, Britain, France, Germany, the Netherlands, and Switzerland) for the period 1975 to 2005. Overall, the paper presents mixed results for the time and country hypotheses, while most of the expected party differences can be observed. Particularly, the left-right ideological orientation of parties is a key factor that determines whether political parties enter the protest arena.

Titelbild: Performance von Pussy Riot auf dem Roten Platz (Foto: Pussy Riot Blog)

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