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Outcomes of Social Movements and Protest, Berlin, 23. – 26. Juni 2011

Welchen Einfluss hatte die Anti-Atombewegung auf die Entscheidung des deutschen Bundestages, bis zum Jahr 2022 aus dieser Form der Energiegewinnung auszusteigen? Über diese Frage ist nach der Katastrophe von Fukushima viel spekuliert worden. Haben die Großdemonstrationen und Menschenketten der Jahre 2009 und 2010 die Abgeordneten beeindruckt? Sicher waren langfristige Entwicklungen bedeutsamer. Die vor 30 Jahren auch aus der Anti-Atombewegung hervorgegangenen Grünen hatten mit dem Atomkonsens vom 14. Juni 2000 den Ausstieg forciert. Dabei konnte sich die Partei auf eine breite Ablehnung der Atomkraft in der Bevölkerung berufen. Welche Rolle spielte dabei die unermüdliche Aufklärungsarbeit von Initiativen und Verbänden über die Risiken der Atomkraft?


Foto: kreuzberg49@flickr, CC

Die Frage, welche Wirkungen Proteste und soziale Bewegungen entfalten können, gehört zu den größten Herausforderungen in der Bewegungsforschung. In den seltensten Fällen bewirken Proteste linear die Umsetzung von zentralen Forderungen. In der Regel sind die Wege, über die die Politik der Straße Veränderungen hervorruft, sehr verschlungen; allzu häufig sind die Folgen von Aktionen und Kampagnen nicht intendiert. Wer sich wissenschaftlich den Folgen sozialer Bewegungen nähert, steht vor einer Reihe von Fragen: Welche Faktoren sollen in Betracht gezogen werden? Welche Zeiträume werden analysiert? Welche Indikatoren für die Aktivität sozialer Bewegungen und für Veränderungen werden herangezogen? Verspricht ein Vergleich oder eine Fallstudie einen größeren Erkenntnisgewinn?

Um sich über diese und andere Fragen auszutauschen, veranstaltete die Forschungsgruppe Zivilgesellschaft, Citizenship und politische Mobilisierung in Europa im  Juni 2011 ihre Abschlusskonferenz „Outcomes of Social Movements and Protest“. Die Tagung markierte das Ende von sechseinhalb Jahren gemeinsamer Arbeit am WZB und einen vorläufigen Schlusspunkt für die Forschung zu sozialen Bewegungen, die hier 23 Jahre betrieben worden war. Auch wenn beinahe alle Vortragenden betonten, der komplexen Realität nicht gerecht werden zu können,  machte die Tagung deutlich, dass es vielversprechende Wege gibt, sich den Auswirkungen sozialer Bewegungen anzunähern. Nur zwei können an dieser Stelle vorgestellt werden.

Doug McAdam (Stanford) stellte die gängige Forschungspraxis in Frage, Effekte nur an solchen Fällen zu untersuchen, bei denen tatsächlich Proteste stattfinden. Das von ihm vorgestellte Forschungsprojekt zu „Risikogemeinden“ setzt früher an und versteht bereits die Mobilisierung von Bürgerinnen als Resultat einer Politik von unten. In welchen Gemeinden, die gleichermaßen von Plänen für den Bau eines Kraftwerkes betroffen waren, entwickelt sich überhaupt Widerstand, und wie wirkt sich dieser auf den Kraftwerksbau aus? Von 20 ausgewählten Gemeinden in den USA regte sich in 10 überhaupt Widerstand, in nur zweien war er bewegungsförmig. In einer qualitativ vergleichenden Analyse zeigte sich zunächst, dass die Kraftwerksprojekte mit hoher Wahrscheinlichkeit dann genehmigt wurden, wenn es keinen Widerstand in der Bevölkerung gab. Verwirklicht wurden sie allerdings nur, wenn auch die ökonomischen Rahmenbedingungen günstig waren. Regte sich dagegen Widerstand, auch nur in Form von Protestbriefen oder Versammlungen, erhöhte das die Wahrscheinlichkeit der Ablehnung eines Projektes.

Dass die Mobilisierung von sozialen Bewegungen, die öffentliche Meinung zu den den Themen, die die Bewegungen aufbringen,  und konkrete politische Entscheidungen in einem komplexen Wechselverhältnis stehen, zeigte Lee Ann Banaszak (Pennsylvania State University). In ihrer Forschung zur Frauenbewegung stellte sich häufiger die Frage, ob Straßenproteste (und die Berichterstattung darüber) die öffentliche Meinung zu Geschlechtergerechtigkeit verändern und politische Entscheidungen beeinflussen, oder ob nicht umgekehrt eine Wandlung in der kollektiven Wahrnehmung und eine entsprechende Gesetzgebung die Wahrscheinlichkeit zur Teilnahme an Demonstrationen erhöhen. Zur Klärung dieser Frage bezieht Banaszak Protestereignisse, einen Index für die öffentliche Meinung zu Geschlechtergerechtigkeit und Kongressabstimmungen zu thematisch einschlägigen Gesetzen ein. In einer Zeitreihenanalyse zeigt sich, dass die aus der Ökonometrie entlehnte Granger-Kausalität von Protesten auf die Verschiebung öffentlicher Meinung nicht nachweisbar ist; auf eine Gleichberechtigung befördernde Gesetzgebung wirken Proteste aber durchaus. Anders herum beeinflussen ein verändertes Meinungsklima und eine unterstützende Legislative sehr wohl die Beteiligung an Protesten. Gesetzgebung und öffentliche Meinung wiederum beeinflussen sich gegenseitig. Die Analyse legt aber auch nah, dass Proteste zum Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses werden und zeitversetzt wirksam werden.

Eine langfristige Perspektive auf die Wirkung sozialer Bewegung und entsprechende Untersuchungszeiträume forderte auch David Meyer (University of California, Irvine) ein, der zusammen mit Dieter Rucht (WZB) die Diskussionen der Konferenz resümierte. Sie waren sich einig, dass die Forschung zu Veränderungsprozessen, die durch soziale Bewegungen und Proteste angestoßen werden, noch einen weiten Weg vor sich hat. Versuche, die Folgen von sozialen Bewegungen zu rekonstruieren, stoßen schnell an ihre Grenzen. Denn Veränderungen auf mehreren Ebenen spielen eine Rolle: in der öffentlichen Meinung, in Parteien und Parlamenten, in dominanten Deutungsmustern, aber auch in den Biografien der Akteure und in der Konfiguration sozialer Bewegungen. Rucht zweifelte an der Sinnhaftigkeit einer allgemeinen Theorie von Bewegungseffekten. Er plädierte stattdessen dafür, induktiv zu arbeiten und überschaubare Prozesse in den Blick zu nehmen.

Auch wenn die Tagung deutlich machte, dass es in der Forschung zu den Effekten sozialer Bewegungen in erster Linie darum geht, die richtigen Fragen zu stellen, und dass befriedigende Antworten rar sind, wurde die Bedeutung des Forschungsfeldes durch die politischen Ereignisse des Jahres offenkundig. Die öffentliche Podiumsdiskussion zu den Protesten im arabischen Raum und in Südeuropa zeigte, dass die Hoffnung auf die demokratisierende Wirkung von Protesten auch vor Forschern und Forscherinnen nicht halt macht.

Der Tagungsbericht erscheint in den WZB-Mitteilungen 134

Das Tagungsprogramm als pdf

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Legitimationen politischer Gewalt II, Bielefeld 16.-17.12.2010

Veranstalter: Freia Anders, Christoph Gusy, Peter Imbusch, Universität Bielefeld/SFB 584: Das Politische als Kommunikationsraum in der Geschichte, Bielefeld

Bericht von: Tobias Kaiser, Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien (KGParl), Berlin

„Gewalt ist einer der schillerndsten und zugleich schwierigsten Begriffe der Sozialwissenschaften.“ [1] Gewalt wird unter den verschiedensten Fragestellungen, aus den Perspektiven unterschiedlicher Disziplinen und mit differenzierten Methoden untersucht. Auch der an der Universität Bielefeld angesiedelte Sonderforschungsbereich 584 „Das Politische als Kommunikationsraum in der Geschichte“ widmet sich seit einigen Jahren dem Thema. [2] In den Bielefelder konzeptionellen Überlegungen wird Gewalt als ein Mittel und mögliches Medium politischer Kommunikation verstanden. Es geht also darum, Gewalt nicht als das Ende von Kommunikationsprozessen, sondern als ein komplexeres, Kommunikation herausforderndes Phänomen zu erkennen.

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Friedensbewegung und Zweiter Kalter Krieg: Europäische und transatlantische Perspektiven. Berlin, 24.-26. März 2010

Die Friedensbewegung der 1970er und 1980er Jahre steht zunehmend im Fokus der zeithistorischen Forschung, d.h., sie kann nun mit geschichtswissenschaftlichen Methoden, auf Basis bisher unveröffentlichter Quellen und im Abstand von annähernd dreißig Jahren auch im Dialog mit Zeitzeugen und Zeitzeuginnen untersucht werden. Der in Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll- Stiftung und dem internationalen Forschungsprojekt „Nuclear Crisis – Transatlantic Peace Politics, Rearmament, and the Second Cold War“ (www.nuclearcrisis.org) organisierte Workshop brachte NachwuchswissenschaftlerInnen zusammen, die sich mit der Friedensbewegung im Kontext des Wiederauflebens der atomaren Rüstung der 1970er und 1980er Jahren befassen. Dabei sei es eine der zentralen Fragen, so Philipp Gassert (Augsburg) in seinen einleitenden Bemerkungen, warum überhaupt der Widerstand gegen eine politisch-strategisch-diplomatische Entscheidung so viele Menschen mobilisieren konnte. Eine Selbstverständlichkeit sei dies ja keineswegs gewesen, denn die Menschen leben damals wie heute „im Schatten der Atombombe“, ohne dass dies gegenwärtig massenhaften Protest provoziere.

Der vollständige Tagungsbericht als pdf.

Unter dem Titel „Protest bewegt!“ fand vom 26.-27.3. am WZB zum zweiten Mal ein Workshop für Nachwuchs-BewegungsforscherInnen statt (Programm als pdf). Ziel der OrganisatorInnen war die temporäre Auflösung einer vielfach beklagten Vereinzelung des Nachwuchses im Bereich der Bewegungsforschung sowie der Austausch über die eigenen Projekte. Gemeinsame Klammer des Workshops war das Thema Protest, das von NachwuchswissenschaftlerInnen aus den Bereichen Soziologie, Politikwissenschaft und, erfreulicherweise sehr zahlreich, aus den Geschichtswissenschaften aufgegriffen wurde.

Der erste Tag bestand aus acht Vorträgen von DoktorandInnen mit anschließender Kommentierung durch eine etablierte WissenschaftlerIn und Diskussion durch das Plenum. Den Schlusspunkt setzte Dieter Rucht (WZB), der in einem Vortrag das Problem von „Nähe und Distanz“, nicht nur in der Bewegungsforschung, aufgriff. Er plädierte darin einerseits für eine gegenstandsangemessene Beantwortung der Frage von Nähe und Distanz. Andererseits bekannte er sich zu einer Forschung in der Tradition der Aufklärung, die aber ihre Wertgebundenheit an wissenschaftlichen Kriterien messen müsse.

Der zweite Tag war einer eingehenderen Beschäftigung mit den Themen „Transnationalisierung“ und „Geschichts-/Kulturwissenschaftliche Zugänge zu sozialen Bewegungen“ im Rahmen von Workshops vorbehalten. Abgerundet wurde die Veranstaltung durch einen Beitrag von Roland Roth (Magdeburg) zum Für und Wider einer nationalen Bewegungsgeschichte. Er verband die Beschreibung dieses Projekts mit einem Bekenntnis zur politischen Positionierung der Bewegungsforschung.

Charakteristisch für die Tagung war die inhaltliche Varianz der acht gehaltenen Vorträge , die von US-amerikanischen Deserteuren über Gewalt bei Protestereignissen bis zu ländlichen Frauenbewegungen reichten. Trotz dieser thematischen Streuung konzentrierten sich alle Beiträge auf die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts und die Diskussionen konzentrierten sich immer wieder auf gemeinsame Fragen und Probleme.

Sehr deutlich wurde, besonders im Vergleich zwischen Sozial- und Geschichtswissenschaften, die disziplinäre Prägung der Herangehensweise an das eigene Projekt. Zeitweise zeigte sich eine Betonung der Eigenheiten der Disziplinen durch Selbst- und Fremdcharakterisierungen der jeweiligen VertreterInnen: Erklären vs. Beschreiben oder konkrete Fragestellungen vs. Offenheit für den Gegenstand. Im Vordergrund stand aber über weite Strecken die konstruktive Diskussion über Möglichkeiten und Grenzen der transdisziplinären Verwendung oder Übernahme von Theorien. Was kann die sozialwissenschaftliche Theoriebildung zu sozialen Bewegungen für die Geschichtswissenschaft leisten? Ist es legitim Theoriefragmente zu „entwenden“, ohne ganze Theoriegerüste zu berücksichtigen? Welche Rolle spielen Theorien überhaupt?

Ebenfalls wie ein roter Faden liefen Fragen von Methoden und Empirie durch die Diskussionen. Etablierte Methoden wie die historische Quellenanalyse trafen dabei auf Video- oder Sequenzanalyse. Die Möglichkeiten und der Mehrwert von „neuen“ Methoden wurden dabei durchaus unterschiedlich gesehen. Immer wieder eingefordert wurde aber, unabhängig von den verwendeten Methoden, die Notwendigkeit, explizit zu machen, was zum eigenen Gegenstand gehört und wie die zu untersuchenden Fälle gesampelt werden.

Aus methodologischer Perspektive war es interessant, dass sich alle Projekte im qualitativen Paradigma verorten lassen. Daraus resultierend war eine bevorzugte Ansiedelung der Empirie auf der Mikroebene festzustellen. In der Diskussion wurde dies besonders in Bezug auf die Ausblendung von Rahmenbedingungen und die Schwierigkeit von Verallgemeinerbarkeit problematisiert.

Als Fazit bleibt, dass das Aufeinandertreffen verschiedener wissenschaftlicher Traditionen für die einzelnen Dissertationsprojekte interessant und bereichernd sein kann. In den Diskussionen über die Vorträge kam es zu einer Vielzahl von Vorschlägen zu möglichen Perspektiverweiterungen sowie zusätzlichen Methoden und Theorien.

Max Schulte

Orientierung in einem wilden Komplex – Konzepte und Methoden in der Forschung über Protest und Soziale Bewegungen. Interdisziplinäre Nachwuchstagung am 15. November 2008 im Wissenschaftszentrum Berlin

Der eintätige Workshop hatte zum Ziel die vielfältigen Arbeiten des wissenschaftlichen Nachwuchses zum Thema Protest und soziale Bewegungen im deutschsprachigen Raum zusammenzubringen. Mit dem Stichwort „wilder Komplex“ sollte dabei der Umstand reflektiert werden, dass sowohl die Materie als auch die wissenschaftliche Forschungsstränge häufig als unübersichtlich, komplex und schwer zugänglich erscheinen. Tatsächlich braucht es ein hohes Orientierungsvermögen, um sich in diesem nur zum Teil kanonisierten interdisziplinären Forschungsfeld zurechtzufinden. Wichtig ist diese Orientierung vor allem angesichts einer schwachen Institutionalisie-rung der Forschung zu Protest und sozialen Bewegungen, die dazu führt, dass viele NachwuchswissenschaftlerInnen isoliert an ihren Projekten arbeiten. Die Tagung bot daher jungen Forschenden die Möglichkeit,

  • ihre Forschungskonzepte zu präsentieren,
  • ihre Forschung durch fachlichen Austausch zu erleichtern,
  • Kontakte mit anderen NachwuchsforscherInnen zu knüpfen,
  • mit erfahrenen ForscherInnen zu diskutieren,
  • sich über Publikationsmöglichkeiten zu informieren.

Der Workshop wurde von Mundo Yang, Simon Teune (beide WZB) und Heike Walk (TU-Berlin) organisiert und durch das WZB mit Raum und Logistik unterstützt. Insgesamt nahmen über 30 WissenschaftlerInnen teil (20 Nachwuchs, 10 Seniors). Im Rahmen des Workshops wurden sieben Paper und dazugehörige Vorträge diskutiert (siehe Programm). Ein erstes Ergebnis der Tagung ist eine vertiefte Vernetzung des wissenschaftlichen Nachwuchses untereinander und mit erfahrenen ForscherInnen. Auch existieren erste Überlegungen für eine Fortführung im Jahr 2009.

Tagungsprogramm als pdf

Titelbild: Performance von Pussy Riot auf dem Roten Platz (Foto: Pussy Riot Blog)

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