Call for Papers: Die Ökologie im rechten und linken Spektrum: Konvergenzen und Divergenzen zwischen Deutschland und Frankreich von den 1970er Jahren bis heute. Deutsch-französischer Workshop für NachwuchswissenschaftlerInnen, Université de Lorraine/Universität des Saarlandes, Herbst 2015

Die gegenwärtig „natürlich“ erscheinende Verortung der Ökologie im linken politischen Lager ist ein relativ neues Phänomen und keineswegs selbstverständlich, auch wenn die Mehrzahl der Grünen und der französischen Verts als Alt-Achtundsechziger und somit als Erben der unkonventionellen „neuen Linken“ und ihrer Forderung nach individueller Emanzipation und Selbstverwirklichung auftreten. Die jüngsten Debatten um die Bildung schwarz-grüner Koalitionen oder die um mögliche Bündnisse zwischen Umweltschützern und regionalistischen Bewegungen weisen erneut auf die politischen Ambivalenzen der Ökologie hin und rufen öffentliche Kontroversen hervor. Auch wenn die grünen Parteien weiterhin größtenteils als Sprachrohre progressiver Forderungen wahrgenommen werden (Naturschutz, Anti-Atomkraft, Feminismus, Pazifismus, Solidarität für die Dritte-Welt, usw.), werden sie auch häufig bezichtigt, die Träger eines rückwärtsgewandten Pessimismus bzw. einer reaktionären Feindseligkeit gegenüber technologischen Entwicklungen zu sein, gar eine gefährliche Nähe zum rechtsextremen Lager aufzuweisen, sobald sie etwa auf Parallelen zwischen Artenvielfalt und kultureller Vielfalt in der Gesellschaft pochen. Gegner der Vereinnahmung des Umweltschutzes durch das linke politische Lager werden nicht müde, die Ökologie als „genuin konservatives Anliegen“ (Heinz-Siegfried Strelow) darzustellen und fordern das rechte politische Lager auf, jene in seinem Diskurs wiederaufzugreifen, um dieses verlassene Terrain wiederzubesetzen.

Diese Widersprüche scheinen die Ohnmacht der herkömmlichen politischen Kategorien (rechts, links) für die Verortung der Ökologie an den Tag zu legen. Dieser Tatbestand ist weniger verwunderlich, wenn man bedenkt, dass sich die deutschen und französischen grünen Parteien ursprünglich aus einer doppelten Opposition gegen die neoliberale Rechte und die produktivistische Linke herausbildeten, denen sie gleichermaßen ihre Orientierung am materiellen Wohlstand, ihre vom 19. Jahrhundert übernommene Wissenschaftsgläubigkeit und ihren Fortschrittsoptimismus vorwarfen.

Während die Ökokonservativen um Herbert Gruhl und Baldur Springmann den Grünen 1982 aufgrund ihrer „Unterwanderung“ durch maoistische Gruppen den Rücken kehrten, gaben die Verts im Kontext der Neubildung der Linken ihre weder-rechts-noch links-Strategie auf und verfolgten unter der impulsgebenden Kraft von Dominique Voynet eine Bündnisstrategie, die ausschließlich auf die Sozialisten und weiter links stehende Kräfte ausgerichtet war. Gleichzeitig blieben rechte, gar rechtsextreme Tendenzen bestehen: So griff Hubert Weinzierl, langjähriger Vorsitzender (1983-1998) des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), unverblümt autoritäre und konservative Forderungen auf, ohne dass er deswegen in der Öffentlichkeit als Rechter galt. Die Nationaldemokratische Partei Deutschlands verankerte ihrerseits Anfang der 1970er Jahre den Lebens-, Heimat- und Umweltschutz in ihrem Programm und stellte ihn in den Dienst ihrer extremistischen und fremdenfeindlichen Weltanschauung.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie die Ökologie einen Brückenschlag zwischen linkem und rechtem Lager ermöglichte und die politischen Kategorien verschwimmen ließ. Heute zeigen Jutta Ditfurths scharfe Attacken gegen den „neokonservativen Rollback“ von Bündnis 90/Die Grünen sowie der von Jean-Luc Mélenchon geforderte „Ökosozialismus“ als Synthese zwischen Ökologie, Sozialismus und Republikanismus, dass die Ökologie weiterhin unterschiedliche, gar widersprüchliche politische Strategien bedient.

Ziel des Workshops ist die Auseinandersetzung mit den Spielarten der Ökologie in der deutschen und französischen Politik, von den Anfängen der politischen Ökologie in den 1970ern bis heute. Auf der Suche nach parallelverlaufenden, konvergierenden oder auseinanderdriftenden Entwicklungen in Frankreich und Deutschland erschöpft sich die Tagung nicht in einer engen Begriffsbestimmung von „Ökologie“ und „Politik“, sondern ist bestrebt, diese Kategorien neu zu definieren. Diese Fragestellung kann aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet werden:

  • Akteure, Strömungen, Bewegungen, Netzwerke
  • Institutionen, Strukturen, Parteien
  • Ideologien, Programme, Forderungen, Werte
  • Ausdrucksarten und Verbreitungskanäle
  • Körper, Symbole und Vorstellungen

Dieser interdisziplinäre Workshop richtet sich vorrangig an deutsche und französische NachwuchswissenschaftlerInnen (DoktorandInnen und PostDoktorandInnen) aus unterschiedlichen Fachrichtungen (Geschichte, Politikwissenschaft, Philosophie, Soziologie, Umweltwissenschaften, Geographie, Landeskunde, Literatur, Linguistik, usw.). Beitragsvorschläge mit einer vergleichenden Perspektive werden bevorzugt.
Für die Vorträge sind jeweils 30 Minuten vorgesehen. Die Veröffentlichung der Beiträge sowie die Erstattung der Reise- und Aufenthaltskosten werden gewährleistet, sofern die finanziellen Mittel es erlauben.

Die Abstracts (400 bis 500 Wörter) können bis zum 15. November 2014 zeitgleich an folgende Email-Adressen eingereicht werden: Olivier Hanse (olivier.hanse(at)univ-lorraine.fr), Annette Lensing (annette.lensing(at)univ-lorraine.fr) und Birgit Metzger (b.metzger(at)mx.uni-saarland.de)

Der französisch-deutsche Call als pdf-Datei

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