Call for Papers: Soziale Kämpfe in Afrika, PROKLA Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, Heft 1/2013

Soziale Kämpfe, Bewegungen und Proteste sind in politischen und sozialwissenschaftlichen auf Afrika bezogenen Debatten auffällig abwesend. Während im Mainstream Fragen von Hunger, bewaffneten Konflikten und ‚Entwicklung’ die Beschäftigung mit dem afrikanischen Kontinent dominieren, stehen in kritischen Auseinandersetzungen meist globale Abhängigkeits- und Unterdrückungsverhältnisse im Mittelpunkt. Widerständiges Handeln ebenso wie soziale Kämpfe auf lokaler, nationaler und regionaler Ebene in Afrika geraten dabei oft aus dem Blick. Eine Ausnahme ist die Republik Südafrika, über deren zahlreiche soziale Bewegungen – etwa für ein Grundeinkommen oder den Zugang zu Medikamenten, gegen Vertreibungen oder die Privatisierung der Wasserversorgung, Bewegungen von Landlosen oder homeless people – inzwischen zahlreiche Studien vorliegen. Eine weitere Ausnahme sind die jüngsten Proteste im Maghreb und Meschrek, die als „arabischer Frühling“ erhebliche Aufmerksamkeit erfahren.

In diesem Heft richten wir den Blick auf die Vielzahl unterschiedlicher sozialer Kämpfe in Afrika südlich der Sahara, denen häufig unbeachtet von Politik, Medien und Forschung im Globalen Norden lokal und national eine erhebliche gesellschaftliche und politische Bedeutung zukommt. Von besonderer Relevanz ist dabei die Rückkopplung sozialer Kämpfe an politisch-ökonomische Strukturen auf lokaler, nationaler und globaler Ebene; im Mittelpunkt unserer Analyse sollen soziale Kämpfe stehen, die auf eine grundlegende Veränderung bestehender Macht- und Herrschaftsverhältnisse abzielen.

Zweifelsohne kennzeichnen vielfältige historische, ökonomische, soziale und politische Strukturen und Prozesse die gegenwärtigen Gesellschaften in Afrika südlich der Sahara und eine pauschale Gegenüberstellung der Weltregionen mag analytisch mehr verschleiern als aufdecken. Dennoch lassen sich einige typische Bedingungen identifizieren, welche die aktuellen sozialen Kämpfe in vielen afrikanischen Staaten prägen. Zu nennen sind hier vor allem die Spuren kolonialer Herrschaft, die in Politik, Wirtschaft und Verwaltung vielfach fortwirken. Zentral ist weiterhin der bedeutende Einfluss von internationalen (Finanz-) Institutionen und den von ihnen voran getriebenen ‚Strukturanpassungs’- und ‚Armutsbekämpfungspolitiken’, die vielerorts Gegenstand sozialer Kämpfe sind. Sozialproteste sind gegenwärtig vor allem in den Städten zu beobachten, allerdings ist der Urbanisierungsgrad in vielen afrikanischen Staaten vergleichsweise gering. Gleichzeitig wächst aber eine Reihe von Städten sehr schnell und Armut und Ungleichheit sind innerhalb der städtischen Bevölkerungen stark ausgeprägt, was nicht zu vernachlässigende Kontextbedingungen dieser Kämpfe sind. Zudem ist auffällig, dass bei einem relativ geringen Anteil industrieller Produktion an vielen afrikanischen Volkswirtschaften in den meisten Staaten Gewerkschaften dennoch einflussreiche Akteure sind – wobei die stärksten Gewerkschaften, wenig überraschend, oft aus dem öffentlichen Sektor (insbesondere den Bereichen Bildung und Gesundheit) kommen. Gleichzeitig ist ein großer Teil vor allem der armen städtischen Bevölkerung im informellen Sektor tätig und damit teils gewerkschaftlich (wenngleich nicht im Sinne von Groß- bzw. Industriegewerkschaften), teils in anderen Zusammenschlüssen (etwa Jugendverbände, Kooperativen, Frauen- oder Stadtteilgruppen) organisiert.

Vor diesem Hintergrund sind für das Heft die folgenden Fragen von besonderem Interesse:

  • Welche Akteure sind in sozialen Kämpfen in Afrika südlich der Sahara gegenwärtig von Bedeutung? Welche Rolle spielen etwa Gewerkschaften, Studierenden- und Jugendbewegungen? Wie funktioniert Mobilisierung im informellen Sektor?
  • Welche Bedeutung kommt dem Verhältnis von städtischen und ländlichen Räumen für soziale Kämpfe zu? Welche Mobilisierungen finden auf dem Land statt? Inwiefern sind spezifische städtische soziale Bewegungen zu beobachten?
  • Wie strukturieren soziale Kategorien soziale Kämpfe (Klasse, Geschlecht, race, Eth-nizität, Generation)?
  • Welche Rolle kommt dem Staat in sozialen Kämpfen in Afrika südlich der Sahara zu? Bleibt er zentraler Adressat von Sozialprotesten – oder verliert er gegenüber inter- und transnationalen Akteuren wie internationalen Institutionen, UN-Missionen, Unter-nehmen und Entwicklungsagenturen an Bedeutung?
  • Wie beeinflussen asymmetrische Süd-Nord-Verhältnisse soziale Kämpfe in Afrika? Welche Wirkung und Bedeutung haben multiple globale Krisen (Finanzkrise, Klimakrise, Energiekrise, Nahrungsmittelpreiskrise) für diese Kämpfe?
  • Wie lassen sich soziale Kämpfe in Afrika gesellschaftstheoretisch einordnen? Wie können soziale Kämpfe und ihre Akteure theoretisch an politisch-ökonomische Strukturbedingungen rückgekoppelt werden?

Die Redaktion lädt zur Einsendung von Exposés von 1-2 Seiten 20. Juli 2012 ein. Die fertigen Beiträge für das Heft müssen bis zum 15. Dezember 2012 vorliegen. Sie sollten einen Umfang von 50.000 Zeichen (inklusive Leerzeichen, Fußnoten, Literaturverzeichnis) nicht überschreiten. Zusendungen bitte als Word oder rtf-Datei an: bettina.engels(at)fu-berlin.de und an redaktion(at)prokla.de.

Der CfP als pdf