Feministische Kritik und Widerstand – im Spiegel von Schlössern und Machtverhältnissen, Tagungshaus Schloss Rauischholzhausen, 12.-14. Januar 2012, von Inga Nüthen

Die Tagung „Feministische Kritik und Widerstand“ des AK „Politik und Geschlecht“ der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft (DVPW) stand im Zeichen eines Dialogs zwischen Theorie und Praxis innerhalb feministischer (Politik-)Wissenschaft. Vom 12. bis 14. Januar 2012 wurde sich der von den Konferenzorganisatorinnen ausgemachten Herausforderung feministischer Theorie gewidmet, aktuelle Phänomene zu reflektieren und eine Rückbindung an politische Praxen zu leisten.

Der Einladung auf das Schloss Rauischholzhausen im Umland von Marburg/Gießen folgten ca. 80 Interessierte. Der abgeschiedene Ort war bewusst als Rückzugsort für konzentriertes und produktives gemeinsames Arbeiten ausgewählt worden. Das Schloss als Tagungsort sorgte allerdings auch für eine kontroverse und lebhafte Debatte um Ausschlüsse und Zugänglichkeiten im (feministischen) Wissenschaftsbetrieb: es wurden ökonomisch bedingte Zugangsfragen, klassistische Ausschlüsse und akademische Normen thematisiert und diskutiert. Diese Diskussionen waren Ausdruck der Reflexion des Konferenzthemas gerade auch im Bezug auf die Tagung selbst, welche die Pausen- und Tischgespräche ebenso wie die Panels begleitete und zum Ende der Tagung Raum in einer von den Teilnehmenden angeregten Feedback-Runde fand

Das Tagungsprogramm war dicht gefüllt und forderte die eigene Aufmerksamkeitsspanne deutlich heraus. Die spannenden Inhalte boten jedoch einige Motivation zum Durchhalten, wenn auch der ein oder andere inhaltliche Punkt zu fortschreitender Stunde nicht mehr genügend Würdigung erfahren haben mag. Trotz einiger Absagen seitens der Referentinnen (ausgefallen sind: Uta Ruppert / Tina Jung / Isabelle Lorey / Eveline Yv Nay und Birgit Sauer) waren die drei Tag gefüllt mit facettenreichen Perspektiven feministischer Kritik und feministischen Widerstands.

Die Beiträge der Tagung waren drei Schwerpunkten zugeordnet: Formen feministischen Widerstands, feministische Kritik in der Politikwissenschaft und feministische Kritik und Widerstand denken. Dabei zog sich die Frage aktueller und besonders selbstreflexiver Perspektiven feministischer Kritik und feministischen Widerstands als roter Faden durch Vorträge und Diskussionen. Dabei wurde auch immer wieder deutlich, dass es eines Dialogs politischer Generationen bedarf, um Anknüpfungspunkte heutiger Protestformen an Vergangenes zu schaffen.

Einleitend sprachen Ina Kerner und Maria Pia Lara zu aktuellen Ausgangspunkten feministischer Kritik und feministischen Widerstands. Ina Kerner unterstrich, dass feministisches Wissen stets umkämpft und somit Gegenstand von Kritik gewesen ist. In ihrem Vortrag: „Varianten feministischer Binnenkritik“ beschrieb sie queere, intersektionale, post-koloniale und post-feministische Perspektiven als aktuelle Varianten feministischer Kritik an der Kritik. Die ersten drei Binnenkritiken stellte sie als Versuche einer Kurskorrektur des Feminismus vor, die darüber hinaus Gesellschaftskritik leisteten. Sowohl die Ausblendung der Binnenkritiken als auch die alleinige Fokussierung auf diese bezeichnete Kerner als kontraproduktiv für das „Gesamtprojekt des Feminismus“. Die daran anschließende Diskussion fragte nach möglichen Formen feministischer Kritik, die Binnenkritik und Gesellschaftskritik vereinen.

Maria Pia Lara plädierte in ihrem nachfolgenden Vortrag als Antwort auf die Frage nach den Möglichkeiten widerständiger Narrative in „plot-less societies“ für eine Rekonzeptualisierung von „the feminist imagination“. Sie diagnostiziert einen Mangel der „dritten und vierten Welle“ an politischer Theorie und Konzepten von sozialer Gerechtigkeit. Als Antwort darauf reklamierte sie die Rückbesinnung auf soziale Bewegungen und Fragen von sozialer Gerechtigkeit, Inklusion und „gender violence“.

Den Einstieg zum Themenkomplex Formen feministischen Widerstands lieferte Magda Albrecht mit ihrem Vortrag: „SlutWalks (in Grrrlmany): Radikalfeminismus Meets Popfeminismus“. Albrecht betrachtete die „SlutWalks“ als einen Ausnahmemoment sowohl queer-feministischer Raumnahme und Mobilisierung als auch der öffentlichen Rezeption radikaler feministischer Forderungen. Sie reflektierte diese im Spannungsfeld von eigenem Anspruch, medialer Rezeption und innerfeministischen Kritiken. Auch hier fand das Thema (struktureller) Ein- und Ausschlüsse feministischen Aktivismus seinen Niederschlag: verwiesen wurde dabei u.a. auf eine kritisch-solidarische Presseerklärung von LesMigras e.V. und Hydra e.V. im Vorfeld des SlutWalk in Berlin. Albrecht betonte zudem die Verbindungslinien der SlutWalk-Diskussionen mit radikalfeministischen Traditionen von beispielsweise MacKinnon und der Riot-Grrrl-Bewegung. Die anschließende Diskussion hinterließ den Eindruck einer weitgehenden Befürwortung des SlutWalk-Aktivismus und der Notwendigkeit selbstreflexiven Hinterfragens und einer konfrontativen Auseinandersetzung mit der medialen Rezeption.

Der Vortrag von Christiane Leidinger „Feministischem Widerstand par excellence? Protestformen und umkämpfte Konzeptionen von Grenzüberschreitungen des Frauenwiderstandscamps im Hundsrück“ spannte den Bogen zu westdeutschen feministischen Aktionsformen der 1980er Jahre. Anhand einer Analyse feministischer Aktionen im Zuge der Frauenwiderstandscamps im Hunsrück (1983 bis 1993) lieferte Leidinger eine Systematik entsprechender Aktionsformen und fragte nach ihren spezifisch feministischen Ausdrucksformen. Sie diagnostizierte einen Mangel akademischer Aufarbeitung radikal-feministischer Bewegungen und warf die Frage nach dem Verhältnis feministischer Wissenschaften zu entsprechenden Bewegungen und Protestformen auf. An einen akademisch gewordenen Feminismus formulierte sie die selbstreflexive Frage, welchen Ausdruck die Entfernung von Bewegungskontexten im Bezug auf das Setting der Tagung fände. In Reaktion auf diesen Vortrag wurde besonders deutlich, dass es tatsächlich einer stärkeren Rezeption und Reflexion radikal-feministischer Bewegungen bedarf, waren die Frauenwiderstandscamps der Mehrzahl der Teilnehmer_innen doch bis dato unbekannt.

Mit ihren Ausführungen zu: „Feministischer Diskurs und gegenhegemoniale Öffentlichkeit(en) der Frauenbewegung(en) gegen die vergeschlechtlichten Gewaltverhältnisse in der Türkei“ brachte Günes Koc anschließend feministische Widerstände im Kontext einer ansteigenden Anzahl von „Frauenmorden“ in der Türkei in die Debatte ein. Sie stellte den gegenhegemonialen feministischen Diskurs vor, der eine Politisierung der kulturalisiert verhandelten „Frauenmorde“ fordert. Ihr Beitrag war einer der wenigen, der einen Blick über den deutschen Kontext hinaus unternahm und dabei feministische Widerstand in den Mittelpunkt rückte, der an anders verfasste Gegebenheiten ansetzt.

Im Anschluss fand der von Birgit Sauer ausgearbeitet Vortrag: „Was macht feministische Politikwissenschaft zu einer kritischen Wissenschaft? Rückblick und aktuelle Herausforderungen“ in Abwesenheit der Referentin, vorgetragen von Katharina Hajek Eingang in die Debatte. Sauer unternahm darin den Versuch der Beantwortung der foucaultianischen Frage „Was ist Kritik?“ in Verbindung mit der Kritischen Theorie. Als Fazit forderte sie einen neuen Modus feministischer Kritik, dessen Anliegen es sei, nicht nur nicht dermaßen, sondern überhaupt nicht regiert zu werden.

Der letzte Vortag zu Formen feministischen Widerstands lenkte die Aufmerksamkeit auf die Thematik sexualisierter Gewalt gegen Frauen in Kolumbien. Birgit Hoinle referierte unter dem Titel „Umkämpfte Territorien. Sexualisierte Gewalt gegen Frauen in Kolumbien und Formen des Widerstands“ über Ergebnisse einer Untersuchung die sie im Rahmen eines von der GIZ geförderten Aufenthalts in Kolumbien angestellt hatte. Hoinle stellt die These einer Kontinuität der Gewaltausübung in familiären und kriegerischen Kontexten in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen. Ihre Thesen verwiesen auf kulturelle Ursachen für Sexismus und reflektierten nur am Rande die Handlungsmacht von Frauenbewegungen.

Den zweiten Themenschwerpunkt Feministische Kritik in der Politik/Wissenschaft: Erfolge, Hürden, Potentiale eröffnete der Vortrag von Katharina Volk: „Veränderung statt Stillstand. Plädoyer für eine Diskussion über eine feministische Gesellschaftstheorie“. Volk begab sich auf die Suche nach einer fehlenden feministischen Utopie. Unter Bezugnahme auf gegenwärtig prominente feministische „Egalitäts- und Selbstbestimmungsdiskurse“ verwies sie auf die Notwendigkeit des Utopischen als Orientierungspunkt. Dabei griff sie auf utopische Konzepte von Nancy Fraser und Frigga Haug zurück und machte zugleich die notwendige Pluralität von Befreiungsperspektiven deutlich.

Als weiteren Beitrag zu diesem Themenschwerpunkt stellte Stefanie Meyer in ihrem Referat: „Politik der Differenzen. Weißer feministischer Aktivismus und die De-/Reproduktion von Rassismus“ die Ergebnisse einer empirischen Studie zur Thematisierung von Rassismus und ethnisierten Differenz zwischen Frauen in weiß-dominierten autonomen feministischen Gruppen in Wien vor. Zur Sprache kamen antirassistische feministische Binnenkritiken aus beispielsweise Migrantinnenbewegungen und Schwarzen Communities. In den Blick geriet dabei erneut die Übersetzungsarbeit zwischen akademischen und aktivistischen Kontexten.

Den Auftakt des dritten Tages und damit auch des Schwerpunkts Feministische Kritik und Widerstand denken: Neue Ansätze, künftige Perspektiven bot der gemeinsame Vortrag von Maria Dätwyler und Fleur Weibel: „Eine kritische Haltung in paradoxen Verhältnissen – ein Feuerwerk!“. Dätwyler und Weibel stellten die Frage nach der Möglichkeit von Kritik in paradoxalen Verhältnissen. Wie sich kritisch verhalten ohne Paradoxien auflösen zu wollen? Anhand der foucaultianischen Figur der Kyniker, deren Lebensweise und theoretisch-philosophische Lehre in eins gingen, skizzierten sie die Kunst der Kritik, für die sie das Synonym des Widerspenstigen fanden. Eine Herausforderung sahen sie darin, reibungslos funktionierende Wissenssysteme zu stören, statt neue Wahrheiten zu produzieren und zielten damit auch auf eine Kritik innerhalb akademischer Feminismen. Die Bedingungen widerspenstigen Handelns loteten sie hinsichtlich ihrer eigenen Position als Referentinnen und Kritikerinnen aus, die den spezifischen Subjektivierungsanforderungen innerhalb des Wissenschaftsbetriebs ausgesetzt sind. Ent-Unterwerfung beinhalte das Risiko sich selbst auszusetzen – auch bzw. gerade im Wissenschaftsbetrieb. Der Vortrag war ein weiterer Anstoß für eine selbstkritische Auseinandersetzung mit (re-)produzierten Ausschlüssen und fand begeisterte Zustimmung.

Darauf folgend reflektierte Uta Schirmer in ihrem Beitrag: „Trans*-queere Praxen und Perspektiven einer Kritik der Zweigeschlechtlichkeit“ anhand narrativer Interviews die Ent-Unterwerfung geschlechtlicher Subjektivierungsweisen im Drag Kinging. Sie skizierte Drag Kinging als kollektive Praxis alternativer geschlechtlicher Subjektivierungsweisen durch die die Ent-Selbstverständlichung der Zweigeschlechterordnung praktisch wirksam werde.

Zum Abschluss der Tagung diskutierte ein Podium unter dem Titel „Kritik in Aktion: Theorie und Praxis feministischen Widerstands“, das weniger eine Klammer als einen Ausblick darstellte. Moderiert von Ina Kerner diskutierten Barbara Holland-Cunz (Universität Gießen), Margot Müller (feministische Partei DIE FRAUEN), Inga Nüthen (Berlin) und das Auditorium unterschiedliche Strategien feministischen Widerstands. Deutlich wurden dabei Gemeinsamkeiten und Unterschiede der verschiedenen Aktivismen und der Wunsch nach Bündnissen.

Auch hier fand sich die Debatte über Ein- und Ausschlüsse im akademischen Betrieb wieder. So wurde u.a. die These diskutiert für wen und unter welchen Bedingungen Widerspenstigkeit „karrierefördend“ sein könne und für wen eventuell nicht.

Daran knüpfte die von den Organisatorinnen auf Wunsch von Teilnehmenden spontan aufgenommen Feedback-Runde an. Neben viel Lob an die Organisation der Tagung und die bereichernden Beiträge, fanden Perspektiven (struktureller) Ausschlüsse Eingang in die Diskussion. Sowohl die mangelnde Barrierefreiheit als auch die generell schwierige Erreichbarkeit des Tagungsortes wurden kritisch angemerkt. Außerdem waren die Kosten der Tagung (Anfahrt / Übernachtung / Essen) Teil kritischer Reflexionen: ökonomisch bedingte Ausschlüsse würden hier reproduziert, sich gerade mit zunehmender Prekarisierung im Wissenschaftsbetrieb verschärften und darüber hinaus für freie Wissenschaftler_innnen und Aktivist_innen eine Hürde darstellten.

Die Wirkung von Raum, Diskussionskultur, Sitzordnung und akademischem Verhaltenskodex wurde ebenfalls in ihrer Reproduktion verwobener Herrschaftsverhältnissen aufgegriffen – namentlich genannt wurden die klassistischen Auswirkungen entsprechender Tagungspraxen. Kurzum, war die Feedbackrunde eine im Wissenschaftsbetrieb seltene Plattform für die Reflexion der Kongruenz von Form und Inhalt einer Tagung mit (herrschafts-)kritischem Anspruch. Die Debatte ist auch gleichzeitig Ausdruck der paradoxen Verhältnisse, denen gegenüber Weibel und Dätwyler in ihrem Vortrag eine kritische Haltung einforderten. Selbstreflexivität, so vielleicht ein Fazit der Tagung, ist notwendige Bedingung für feministische Kritik und Widerstand. Dass die Debatte darüber in den Politikwissenschaften (wieder) einen Raum gefunden hat, ist Verdienst der Tagung und ihrer Teilnehmenden. Eine aus der Tagung hervorgehende Vernetzung wird die aufgeworfenen Fragen hoffentlich weiterhin wach halten.

Zuerst erschienen auf der Seite von reflect!

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