Forschungsjournal soziale Bewegungen 4/2012: Wir und die Anderen. Klärung und Anwendung des Konzepts kollektiver Identität.

Thema und Konzept „kollektive Identität“ haben einen festen Platz in der Bewegungsforschung eingenommen. Als Thema wird es häufig angesprochen, jedoch kaum analytisch durchdrungen. Zentrale Fragen bleiben offen. Mit dem Ziel, Debatten und Antworten zu diesen offenen Fragen anzuregen, fand im November 2010 ein Workshop am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung statt. Diskutiert wurden Aspekte der konzeptionellen Abgrenzung des Begriffes, seiner verschiedenen analytischen Dimensionen, Fragen des methodischen Zugangs, der ‚Rohstoffe‘ kollektiver Identität und dem Verhältnis von persönlicher und kollektiver Identität. Das aktuelle Heft schließt an diesen Workshop, stellt aber auch eine Fortsetzung dar.

Auf zwei Artikel möchten wir an dieser Stelle besonders hinweisen: Dieter Rucht illustriert am Fall der Kampagne gegen den Castor-Transport vom November 2010 die zunehmende Bedeutung von „weak identities“, die innerhalb eines bewusst offen und flexibel ausgestalteten Aktionsrahmens zur Geltung kommen und mit strategischen Vorteilen für die Protestgruppen verbunden sind. Er plädiert in seinem Beitrag dafür, eine stark ausgeprägte kollektive Identität bei sozialen Bewegungen nicht als Erfolgsbedingung vorauszusetzen. Im Gegenteil böten schwache Identitäten von sozialen Bewegungen Vorteile im Zuge heutiger Protestmobilisierungen.

Sebastian Haunss stellt in seinem Beitrag einen Ansatz zu Bewegungsidentität im Anschluss  neuere Entwicklungen zu jüngeren Bewegungen da. So argumentiert er in seinem Beitrag, die Kongruenz des Bewegungsdiskurses und szenenspezifischer Alltagspraxen, die für ihn von zentraler Bedeutung für kollektive Identitätskonstruktion und damit für das Fortbestehen einer Bewegung ist. Er zeigt dies anhand eines Vergleiches der Schwulenbewegung und der Autonomen in Deutschland. Auf der Grundlage einer Frameanalyse von Bewegungsdiskursen zeigt er, dass im ersten Fall die Schwulenbewegung vor dem Hintergrund der AIDS-Epidemie immer weniger in der Lage war, die sich ändernden Alltagspraxen schwuler Aktivisten mit der etablierten kollektiven Identität der Bewegung in Einklang zu bringen. Im zweiten Fall gelang es dagegen den Autonomen, ihre Bewegungsidentität den sich ändernden Alltagspraxen anzupassen. Die (Un-)Fähigkeit beide Spären zu integrieren ist – unter anderen – ein Faktor, der das Scheitern bzw. den Erfolg der beiden Bewegungen, einen hohen Mobilisierungsgrad aufrechtzuerhalten, erklären kann.

Mit diesen Diskussionsbeiträgen und Aufsätzen soll die weitere und vertiefende Auseinandersetzung mit dem Konzept kollektiver Identität angeregt werden, das in theoretischer wie empirisch-analytischer Hinsicht noch immer, und trotz eines deutlich gewachsenen Literaturbestandes, als unterentwickelt gelten muss. Noch immer stehen verschiedene Zugänge relativ unverbunden nebeneinander. Und noch immer werden Konzepte durch kursorisch angeführte Beispiele eher illustriert anstatt systematisch und datengestützt angewandt.

Inhalt Heft 4/2011

Aktuelle Analyse
Gerd Mielke: „Alternativlos“ in die Sackgasse? Anmerkungen zur politischen Führung der beiden Großparteien

Themenschwerpunkt
Priska Daphi: Soziale Bewegungen und kollektive Identität – Forschungsstand und Forschungslücken
Dieter Rucht: Lassen sich personale, soziale und kollektive Identität sinnvoll voneinander abgrenzen?
Jochen Roose: Was sind die Rohstoffe zur Herstellung und Erhaltung kollektiver Identität? Die Aushandlung des Unverhandelbaren
Klaus Eder: Was sind die Rohstoffe zur Herstellung und Erhaltung kollektiver Identität? Identitäten als narrative Verknüpfungen von Ereignissen
Sebastian Haunss: Was ist der beste methodische Zugang? Bewegungsdiskurse und Prozesse kollektiver Identität
Bernd Simon: Was ist der beste methodische Zugang? Nicht über unsere Köpfe hinweg! Kollektive Identität als sozialpsychologisches Konzept
Sebastian Haunss: Kollektive Identität, soziale Bewegungen und Szenen
Klaus Eder: Wie schreiben sich soziale Bewegungen über die Zeit fort? Ein narrativer Ansatz
Dieter Rucht: The Strength of Weak Identities

Pulsschlag
Rupert Graf Strachwitz: Einfluss, Unabhängigkeit, Stärke? Die Bedeutung von Netzwerken in der Gesellschaft
Anne Pauli/Alban Werner: Neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit
Björn Schulz/Stephanie Storck: Engagement und Erwerbsarbeit in Europa
Frank Jost: Mehr wissen – mehr wagen – mehr Dialog!

Zusammenfassungen der Artikel finden sich auf der Internetseite des Forschungsjournals. Das Forschungsjournal 01/2012 erscheint unter dem Titel: Berichte aus der Praxis sozialer Bewegungen. Unter anderem mit Beiträgen von Roland Roth, Christa Wichterich und Achim Brunnengräber.

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