CfP: Protest und Partizipation in heterogenen Gesellschaften –Neue Perspektiven auf soziale Bewegungen. Veranstaltung der Sektion „Politische Soziologie“ und des Nachwuchsnetzwerks „Neue Perspektiven auf soziale Bewegungen und Protest“ auf dem 36. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie 2012 in Bochum und Dortmund

Protestbewegungen stellen immer wieder den Zusammenhalt von Gesellschaften in Frage. Die Formen und Wege zur Herstellung kollektiv verbindlicher Entscheidungen werden von ihren Mitgliedern angefochten. Dies gilt gleichermaßen für die Proteste um Stuttgart 21 wie für Proteste in Nordafrika, Arabien oder in Moskau. Diese jüngeren Ereignisse fordern die Forschung zu sozialen Bewegungen heraus. Wie weit tragen die etablierten Ansätze zur Erklärung von Protestentstehung und welche neuen Einsichten ermöglichen jüngere Ansätze? Welche neuen Phänomene gilt es zu erklären? Wo stoßen bisherige Theorien an ihre Grenzen?

Mit der Entstehung neuer sozialer Bewegungen und dem Wandel von Bewegungen seit den 1960er Jahren, haben sich Bewegungstheorien entwickelt und weiterentwickelt. Vor allem durch die zentralen Ansätze der Ressourcenmobilisierung, der Analysen politischer Gelegenheitsstrukturen und des Framing Ansatzes inspirierten Forschungsarbeiten konzentrieren sich dabei auf die Mesoebene von Bewegungen und Bewegungsorganisationen. Diese werden häufig als rational kalkulierende Akteure konzeptualisiert, die strategisch Ressourcen mobilisieren, Gelegenheitsfenster nutzen und gezielt Probleme in einer mobilisierenden Weise darstellen.

Durch diesen Blickwinkel geht aber auch eine Vernachlässigung von bestimmten Aspekten einher, die sich in jüngeren Arbeiten wieder in den Vordergrund drängen. Dazu zählen kultursensible Ansätze, die die Bedeutung der Vielfalt kultureller Praktiken, sowie die Wandelbarkeit und komplexe Ausgestaltung von Wertorientierungen und Präferenzen betonen; gesellschaftstheoretische Ansätze, die Protest in breitere gesellschaftliche Entwicklungsdynamiken verankern; sowie sozialstrukturelle Ansätze, welche die Ursprünge sozialer Bewegungen in sozialen Schichten, Milieus und Lebensstilen verorten, und damit auf die Verbindung von sozialen Bewegungen und grundlegenden gesellschaftlichen Dynamiken verweisen.

Individualisierung und Heterogenisierung von Gesellschaften, also Phänomene zunehmender gesellschaftlicher Vielfalt, stehen damit gleich in doppeltem Bezug zu sozialen Bewegungen. Einerseits kann die Vielfalt zu neuen Konfliktlinien führen, die sich in Protesten und sozialen Bewegungen artikulieren. Andererseits unterliegt politische Partizipation als solche Individualisierungstendenzen mit abnehmender Parteienbindung bei erheblicher Attraktivität von (neu entstehenden) Protestbewegungen. Beide Verbindungen werfen hoch relevante, neue und alte, aber unzureichend beantwortete Fragen auf.

  • Unter welchen Bedingungen führt Vielfalt zu Protest? Sind, entgegen gängiger Annahmen der Bewegungstheorie aus den 1980er und 1990er Jahren, die objektiven und subjektiven Interessengegensätze und Deprivationen doch mit entscheidend?
  • Auf welche gesellschaftliche Veränderungen und Entwicklungsdynamiken lässt sich die Konstitution von neuen Bewegungen zurückführen (z.B. die occupy Bewegung)?
  • Werden soziale Bewegungen in einer individualisierten Gesellschaft wahrscheinlicher – oder wird die Partizipationsform soziale Bewegung selbst ein „Opfer“ der Individualisierung?
  • Inwiefern konstituieren und konstruieren soziale Bewegungen kulturelle Kritikmuster oder gehen aus ihnen hervor?
  • Wie lassen sich neuere Protestdynamiken erklären?

Die Sektionsveranstaltung lädt zu Beiträgen ein, die neue Perspektiven auf soziale Bewegungen entwickeln. Insbesondere interessieren Beiträge, die neuere Protestentwicklungen in Deutschland, Europa und darüber hinaus empirisch aufnehmen und daran theoretische Ansätze schärfen und weiterentwickeln. Vortragsvorschläge (abstracts) bitte bis spätestens zum 28. Februar 2012 per Email an die folgenden Adressen richten:

für die Sektion Politische Soziologie: Andrea Pabst, andrea.pabst(at)gmx.de
für das Nachwuchsnetzwerk: Sabrina Zajak, sabrina.zajak(at)staff.hu-berlin.de

CfP als Pdf-Datei

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