Forschungsjournal soziale Bewegungen 03/2011: Zuviel Zivilgesellschaft? Soziale Arbeit und Bürgerschaftliches Engagement

Die Folgen des Sozialabbaus sind unübersehbar. Der „Umbau des Sozialstaats“ hat mit der Finanz- und Wirtschaftskrise noch mal Fahrt aufgenommen, vor allem im Kontext der Kommunen stellen sich Fragen nach der Sicherung sozialer Daseinsvorsorge umso dringlicher.

Die Notwendigkeit, neue Wege sozialstaatlicher Arrangements zu sondieren und zu beschreiten, liegt auf der Hand. Längst nehmen sich auch staatliche AkteurInnen verstärkt dem bürgerschaftlichen Engagement (BE) und der Zivilgesellschaft an und erhoffen sich hiervon Impulse für Integration und für die Sicherung sozialer Daseinsvorsorge. Dabei muss jedoch beachtet werden, dass es nicht nur um Impulse geht. Gerade im sozialen Bereich sind Kommunen, ja vielleicht die ganze Gesellschaft wieder zunehmend auf ehrenamtlich erbrachte Dienste angewiesen.

Das Themenheft soll ein Update zur Diskussion liefern, vor allem aber konkreter auf engagementpolitische Implikationen der sozialen Frage eingehen. Welche Rolle spielt BE bereits jetzt in der Erbringung sozialer Dienstleistungen? Was können freiwillig Engagierte leisten, was muss den Profis überlassen bleiben? Unter welchen Rahmenbedingungen kann BE effektiv zu gesellschaftlicher Inklusion beitragen? Sind die Verbände als traditionelle Akteure im Wohlfahrtsstaat für wohlfahrtspluralistische Entwicklungen gewappnet oder muss sich ihre Rolle verändern? Welche Auswirkungen hat die Einbindung von BE auf Form und Qualität Sozialer Arbeit? Und welche Konsequenzen hat es, wenn Soziale Arbeit zunehmend auch auf die Unterstützung von Stiftern und Spendern bauen muss? Diesen und weiteren Fragen soll im Themenheft „Zu viel Zivilgesellschaft? – Soziale Arbeit und BE“ nicht zuletzt auch anhand von Einblicken in konkrete Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit nachgegangen werden.

Auf zwei Artikel möchten wir an dieser Stelle auch diesmal besonders hinweisen:

Gesellschaftliches Engagement sollte von Unternehmen kein Akt der Wohltätigkeit sein, sondern eine Frage der Geschäftsstrategie, die sich am Nutzen für das Unternehmen wie für die Gesellschaft orientiert. Erfolgreiche Reformpolitik bräuchte daher ein „Leitbild Bürgergesellschaft“. Dabei geht es um die Klärung des Verhältnisses von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Das aktuelle Journal fragt daher auch nach der Quantität der Zusammenhänge: Gibt es zuviel Zivilgesellschaft – Die Antwort von Serge Embacher lautet „ nein – zu viel Regierung – aber zu wenig Staat und zeigt die derzeitigen Entwicklungen in der Engagementpolitik des Bundes auf. Diese weist, zumindest nach Embacher, deutlich Irrungen und Wirrungen auf: „Nach knapp zwei Jahren schwarz-gelber Bundesregierung zeichnet sich immer deutlicher, dass die Förderung bürgerschaftlichen Engagements hier nicht eine Stärkung des demokratischen Gemeinwesens und des gesellschaftlichen Zusammenhalts, sondern der konsequente Indienstnahme für staatliche Zwecke dienen soll“.

Das heißt also auf der einen Seite, dass sich AkteurInnen dauerhaft auf Kooperationsverhältnisse einstellen müssen. Mit welchen anderen Erscheinungen sich bürgerschaftliches Engagement sonst darstellt, zeigt Chantal Munch in ihrem Beitrag. Nicht alle Bevölkerungsschichten haben automatisch die gleichen Zugänge. Auch beim Engagement zeigt sich, das Sozial Benachteiligte Schichten einen deutlich eingeschränkteren Zugang haben und somit auch deutlich unterrepräsentiert sind. Ob und wieweit auch auf solchem Weg Hierarchien produziert und nicht zu letzt auch reproduziert werden, klärt sich in dem Beitrag „Engagement und Ausgrenzung – theoretische Zugänge zur Klärung eines ambivalenten Verhältnisses.

Inhalt Heft 03/2011

Aktuelle Analyse
Dieter Rucht: Zum Stand der Forschung zu sozialen Bewegungen

Themenschwerpunkt
Chantal Munsch: Engagement und Ausgrenzung – theoretische Zugänge zur Klärung eines ambivalenten Verhältnisses
Marion Bradl/Torsten Groß: Bürgerschaftliches Engagement und die Gestaltung von Integrationsprozessen – Das Kooperationsprojekt gemeinsam engagiert als gutes Praxisbeispiel
Wiebken Düx: Gesellschaftliches Engagement von Kindern und Jugendlichen
Bernhard Jirku: Ist sozial, was Arbeit schafft? Zivilgesellschaft und soziale Arbeit
Elke Becker: Engagement und Partizipation in der Stadtentwicklung
Serge Embacher:  Wenig Staat, zu viel Regierung. Irrungen und Wirrungen aktueller Engagementpolitik
Berit Sandberg: Stiftungen als Trabanten der Engagementpolitik? Zum Versuch der Quangoisierung des Stiftungswesens durch die Nationale Engagementstrategie
Helmut K. Anheier/Annelie Beller/Rabea Haß: Accountability und Transparenz des Dritten Sektors in Deutschland: Ein Paradox?
Holger Krimmer/Jana Priemer: Zivilgesellschaft in Deutschland – Standortbestimmung in Zahlen

Sonderschwerpunkt: Politische Strategien
Joachim Raschke/Ralf Tils: Jetzt ist die Praxis dran! Über die Wechselwirkungen von Theorie und Praxis in Strategiefragen
Elmar Wiesendahl: Ist das Strategie? Strategische Richtungssuche von CDU und SPD zwischen Wahlen
Matthias Machnig: Wie strategiefähig ist heute Politik?
Reinhard Bütikofer: Wie geht‘s Grün?
Richard Meng: Qualen des Erfolgs Die neuen Strategiefragen der Grünen
Hubert Kleinert: Die Zukunft der Grünen
Dietmar Bartsch: Strategische Herausforderungen für LINKE
Jens König: Die Linke. Fünf schnelle Thesen

Pulsschlag Schwerpunkt: Die europäische Bürgergesellschaft
Thomas Olk/Mirko Schwärzel: Die Europäische Bürgergesellschaft 6. Forum Bürgergesellschaft 2011
Dirk Jarré: Bürgergesellschaft in der Europäischen Union
Brigitte Russ-Scherer:  Europa eine Seele geben – Eine Herausforderung für die Städte und Regionen und für ihre BürgerInnen

Zusammenfassungen der Artikel finden sich auf der Internetseite des Forschungsjournals. Das Forschungsjournal 04/2011 erscheint unter dem Titel: Wir und die anderen. Klärungen und Anwendungen des Konzepts kollektive Identität