Forschungsjournal Soziale Bewegungen 02/2011: Engagierte Einwanderer – Chancen und Probleme der Partizipation von Migranten

Der Mehrzahl der Migrantinnen und Migranten bleiben klassische Partizipationsmöglichkeiten wie die Teilnahme an politischen Wahlen weiterhin versperrt– nicht zuletzt deshalb, weil in Deutschland weiterhin ein kommunales Wahlrecht für Ausländer außerhalb der Europäischen Union fehlt. Während bei Einwanderinnen das klassische politische Partizipationspotential also noch nicht ausgeschöpft zu sein scheint, rücken seit dem Beginn dieses Jahrtausends auch Formen des bürgerschaftlichen Engagements und der Selbstorganisation von Migrantinnen und Migranten immer stärker in den Fokus.

Eine Bestandsaufnahme des bürgerschaftlichen Engagements der größten Einwanderungsgruppe in Deutschland, der türkeistämmigen Migrantinnen und Migranten, bietet der Beitrag von Dirk Halm. Demnach weist die türkeistämmige Bevölkerung mit einem Anteil von fast zwei Dritteln eine ebenso große Beteiligung in „zivilgesellschaftlichen Kontexten“ auf wie die einheimische Bevölkerung. Halm schließt zwar auf eine vorhandene „Komplementarität“ deutscher und türkischer Netzwerke, weist aber gleichzeitig auf nach wie vor bestehende Hürden für die Partizipation türkischer Einwanderer in einheimischen zivilgesellschaftlichen Organisationen hin. Somit sei eine Engagementförderung gefordert, welche den Besonderheiten dieser Bevölkerungsgruppe gerecht werde und dabei nicht nur das integrative Potenzial des Engagements von Migrantinnen und Migranten nutzt, sondern der „Behebung von Beteiligungsengpässen“ in der deutschen Gesellschaft insgesamt entgegenwirke.

Die Besonderheiten der Lebenswelten von Einwanderern in Deutschland und die Folgen für deren Partizipation versucht Sebastian Beck anhand einer Milieuperspektive in seinem Beitrag näher zu ergründen. Er stellt acht Migranten-Milieus vor, in denen er ein je unterschiedliches Potenzial für das Engagement auf der lokalen, städtischen Ebene identifiziert. Beck leitet aus seinen Daten „gebremste Potenziale“ bei der lokalen Beteiligung ab, die sich in vielen Milieus in einer Diskrepanz zwischen grundsätzlicher Bereitschaft zum Engagement und tatsächlicher Partizipation widerspiegeln. Somit würden hier auch Integrationspotenziale verschenkt, da sich ein Zusammenhang zwischen Engagement und integrativen Wertorientierungen herstellen lässt.

Es lässt sich also erahnen, dass bürgerschaftliches Engagement von Einwanderern durchaus Chancen birgt, aber (noch) bei weitem nicht ohne Probleme ist. Der Themenschwerpunkt dieser Ausgabe des Forschungsjournals deckt die unterschiedlichen Formen der Partizipation von Einwanderern in Deutschland auf und analysiert dabei sowohl die Potentiale als auch die Risiken. In den Fokus genommen werden unter anderem die kommunalen Integrationsbeiräte, das Verhältnis von MSO und sozialer Arbeit und das bundesweite Integrationsprogramm.

Inhalt Heft 02/2011

Editorial
Engagierte Einwanderer

Aktuelle Analyse
Thomas Leif: Mythos Politische Beteiligung – Phantom Bürgergesellschaft: Analyse-Abstinenz und Reflexions-Defizit der Politik

Themenschwerpunkt
Dirk Halm: Bürgerschaftliches Engagement in der Einwanderungsgesellschaft. Bedeutung, Situation und Förderstrategien
Sebastian Beck: Migranten und Engagement: Die Milieuperspektive
Miguel Vicente: Die Arbeit der Integrationsbeiräte in Deutschland
Siglinde Naumann: Migrantenselbstorganisationen – Träger des Engagements von Migrantinnen und Migranten
Patricia Latorre/Olga Zitzelsberger: MigrantInnenselbstorganisationen und Soziale Arbeit: Was der Zusammenarbeit auf Augenhöhe im Wege steht
Matthias Kortmann: Wie definieren islamische Dachverbände Integration? Ein deutsch-niederländischer Vergleich
Brigitte Mies-van Engelshoven: „Sich für ein gutes Ziel engagieren“. Freiwilliges Engagement für junge Flüchtlinge und von jungen Flüchtlingen ohne sicheren Aufenthaltsstatus
Katrin Hirseland: Migrantenorganisationen als zivilgesellschaftliche Akteure stärken. Empfehlungen des bundesweiten Integrationsprogramms
Helga Nagel: Kommunale Zusammenarbeit mit Migrantenorganisationen. Ein Erfahrungsbericht
Ansgar Klein/Susanne Huth: Das Thema „Migration/Integration“ im Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement
Sergio Cortés: Das Forum der Migrantinnen und Migranten im Paritätischen Gesamtverband
Birger Hartnuß/Frank W. Heuberger: Mehr Bürgerbeteiligung wagen. Erfahrungen mit Beteiligungsprozessen in Rheinland- Pfalz

Pulsschlag
Jürgen Bacia: Die Freien Archive als Gedächtnisorte der Neuen Sozialen Bewegungen – eine Situationsbeschreibung
Julian Bollhöfner/Fabian Virchow: Methods and Methodology in Researching the Far Right. Eine Internationale Konferenz an der FH Düsseldorf
Jan Rohwerder: Multikulturalität. Vortragsreihe im Rahmen der „Europäischen Horizonte“

Zusammenfassungen der Artikel finden sich auf der Internetseite des Forschungsjournals. Das Forschungsjournal 03/2011 erscheint unter dem Titel: Zuviel Zivilgesellschaft? Soziale Arbeit und bürgerschaftliches Engagement

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