Forum für kritische Rechtsextremismusforschung (Hrsg.): Ordnung.Macht.Extremismus. Effekte und Alternativen des Extremismusmodells. Wiesbadden: VS Verlag 2011.

Bestimmte Formen politischer Devianz werden wissenschaftlich und umgangssprachlich regelmäßig als „extremistisch“ bezeichnet. Diese Appellationen haben prinzipiell sowohl einen normativen als auch einen deskriptiven Charakter. Ihre Funktion liegt in der formalistischen Konstruktion eindeutiger politischer Feinde. Demokratietheoretisch ist diese Funktion problematisch: In der normativen Dimension des Begriffs werden die Kriterien zur Konstruktion dieser Feinde und in der Folge die als „extremistisch“ definierten und notwendig als organisierte/personifizierte Weltbilder konstruierten Positionen der politischen Verhandlung entzogen. Gleichzeitig werden in der deskriptiven Dimension des Begriffs undemokratische Einstellungen (bspw. latenter Rassismus) und Strukturen (bspw. institutioneller Rassismus) systematisch übersehen, weil sie im Extremismus-Modell weder als Feinde fungieren können, noch in der „demokratischen Mitte“ denkbar sind. Der Sammelband fokussiert diese und andere Effekte des Extremismus-Begriffs. Die Beiträge verhandeln Geschichte, Praxis und Alternativen der politischen Semantik des „Extremismus“ aus einer interdisziplinären Perspektive.

Inhalt

Anne Dölemeyer/Anne Mehrer: Einleitung: Ordnung.Macht.Extremismus

Teil I: Kritiken

Holger Oppenhäuser: Das Extremismus-Konzept und die Produktion von politischer Normalität

Tobias Prüwer: Zwischen Skylla und Charybdis: Motive von Maß und Mitte. Über die merkwürdige Plausibilität eines Welt-Bildes – eine genealogische Skizze.

Matthias Falter: Critical Thinking Beyond Hufeisen. »Extremismus« und seine politische Funktionalität

Frank Schubert: Die Extremismus-Polizei. Eine Kritik des antiextremistischen Denkens mit Jacques Rancière

Robert Feustel: Entropie des Politischen. Zur strategischen Funktion des Extremismusbegriffs

Teil II: Praktiken

Susanne Feustel: Tendenziell tendenziös. Die staatliche Erfassung politisch motivierter Kriminalität und die Produktion der »Gefahr von links«

Mathias Rodatz/Jana Scheuring: ›Integration als Extremismusprävention‹. Rassistische Effekte der ›wehrhaften Demokratie‹ bei der Konstruktion eines ›islamischen Extremismus‹

Daniel Schmidt, Rebecca Pates, Susanna Karawanskij: Verwaltung politischer Devianz. Das Problem des Wissens

Rebecca Pates: Die Hölle sind immer die anderen: Moralische Ordnungen in Trainings gegen »Rechtsextremisten«

Johannes Kiess: Rechtsextrem – extremistisch – demokratisch – wie denn nun? Der prekäre Begriff »Rechtsextremismus« in der Einstellungsforschung

Teil III: Alternativen

Elena Buck: Keine Gesellschaft ohne Grenzen, keine Politik ohne Gegner_innen. Auf dem Weg zu Kriterien demokratischer Grenzziehungen

Stefan Kausch/Gregor Wiedemann: Zwischen »Neonazismus« und »Ideologien der Ungleichwertigkeit«. Alternative Problematisierungen in einem kommunalen Handlungskonzept für Vielfalt und Demokratie

Jens Zimmermann: Völkische Globalisierungsfeindschaft in der Deutschen Stimme. Fallbeispiel einer Kritischen Diskursanalyse als Alternative zur formalistischen Extremismus-Hermeneutik

Jörn Hüttmann: Extreme Rechte – Tragweite einer Begriffsalternative

Zoran Terzić: Kulturextremismus. Zur Ästhetik und Politik radikaler Phänomene

Herausgeber

Das Forum für kritische Rechtsextremismusforschung (FKR) besteht seit 2005 und agiert als Schnittstelle für die wissenschaftliche und praktische Arbeit im Themenfeld Neonazismus/Rassismus. Die kritische Auseinandersetzung mit dem wissenschaftlichen und politischen Deutungsmuster „(Rechts-Extremismus“ ist dabei zentral. Zu den Angeboten zählen Seminare, Workshops und Publikationen. Die Mitglieder des FKR studieren, arbeiten und forschen an verschiedenen Instituten der Universitäten Leipzig und Frankfurt am Main und/oder in zivilgesellschaftlichen Verbänden.