Call for Papers: SOZIALE BEWEGUNGEN IN AFRIKA – STICHPROBEN Wiener Zeitschrift für Kritische Afrikastudien Vienna Journal of African Studies

Afrikanische soziale Bewegungen stellen in doppelter Hinsicht eine Leerstelle in der bestehenden sozial‐ und kulturwissenschaftlichen Literatur dar: in der Bewegungsforschung und in der Afrikaforschung. Die Forschung über soziale Bewegungen fokussiert auf Europa, Nord‐ und Lateinamerika; die Afrikaforschung befasst sich zwar empirisch mit dem Phänomen, bezieht sich jedoch theoretisch bislang kaum auf Ansätze der Bewegungsforschung. Während Gewerkschaften, LandarbeiterInnenbewegungen oder feministische Bewegungen etwa für die Lateinamerikastudien wichtige Untersuchungsgegenstände sind, hat sich eine vergleichbar ausdifferenzierte Forschung zu Afrika bislang nicht herausgebildet. Nicht nur – aber gerade auch – im deutschsprachigen Raum fehlen der Forschung Bestandsaufnahmen zu afrikanischen sozialen Bewegungen.

Das Konzept soziale Bewegungen unterscheidet sich von vorherrschenden Konzepten der „Zivilgesellschaft“ in zentralen Punkten. Im Kontext der strukturellen Krise von Staat und Staatlichkeit in Afrika und der gleichzeitigen Propagierung von „Good Governance“ durch multilaterale Akteure wie der Weltbank wurde die Rolle von Zivilgesellschaft häufig auf eine dem Staat komplementäre und im Kontext von „Staatsversagen“ sogar kompensatorische Rolle zugesprochen – als Legitimitätsgarant und als Dienstleister. Tatsächlich haben sich seit den 1990er Jahren viele „zivilgesellschaftliche“ Akteure in Subsahara‐Afrika gestützt von bi- und multilateralen Gebern zu professionellen Dienstleistern und Beratungsagenturen entwickelt.

Wir möchten entgegen dem vorherrschenden Verständnis von Zivilgesellschaft den Fokus auf Akteure in Subsahara‐Afrika richten, die in Opposition zum Staat stehen und sich dezidiert herrschaftskritisch äußern. Somit richten wir unseren Fokus explizit auf die politische Rolle von zivilgesellschaftlichen Akteuren. Wir ziehen aus zwei Gründen den Begriff der sozialen Bewegung jenem der Zivilgesellschaft vor. Erstens grenzen wir uns damit vom derzeit vorherrschenden Verständnis von Zivilgesellschaft als Legitimationsressource und Dienstleister des Staates ab. Zweitens richtet sich unser Fokus auf konkrete soziale Akteure, die sich entlang spezifischer Themen formieren und zu Protest mobilisieren. Soziale Bewegungen stellen unserem Verständnis nach Akteure dar, die sich am Ort ihrer Mobilisierung unabhängig und kritisch gegenüber politischen Verhältnissen positionieren. Sie fordern eine demokratischere Mitgestaltbarkeit staatlicher Politik ein oder nehmen sie selbst in die Hand.

In der Forschung über soziale Bewegungen und Protest lassen sich vier Erklärungsansätze unterscheiden. Der Ansatz der gesellschaftlichen Kontextstrukturen argumentiert, dass soziale Wandelungsprozesse und Umbruchsituationen für die Entstehung von Protest entscheidend sind. Eine weitere Perspektive betont die Relevanz politischer Gelegenheitsstrukturen: Politischstrukturelle Bedingungen wie etwa Offenheit der Institutionen oder Fähigkeit und Wille staatlicher Akteure zur Repression erklärten das Auftreten oder Ausbleiben von Protest. Der Ansatz der Ressourcenmobilisierung vertritt ausgehend von der Annahme rationalistischer Handlungslogiken die These, dass Protest davon abhängt, welche materiellen, ideellen und personellen Ressourcen mobilisiert werden können. Dem Framing‐Ansatz zufolge ist es von der „Rahmung“ eines Themas abhängig, ob sich daran Protest entzündet. Framing knüpft an bestehende soziale Probleme wie Deprivation und Ungleichheit an. Ob diese jedoch wahrgenommen werden und mobilisierend wirken, sei Resultat der Darstellungsstrategie.

Vor diesem Hintergrund möchten wir der Frage nachgehen, inwiefern soziale Bewegungen in Afrika südlich der Sahara heute als herrschaftskritische Akteure bestehen. Welche sozialen Bewegungen prägen die politische Landschaft afrikanischer Gesellschaften gegenwärtig? Über welche Strategien intervenieren sie in gesellschaftliche Debatten und gestalten Politik? Welche Gelegenheitsstrukturen begünstigen bzw. behindern den Erfolg sozialer Bewegungen? Wie mobilisieren soziale Bewegungen in Afrika Ressourcen im Kontext chronischer Ressourcenknappheit? Und in welcher Weise partizipieren afrikanische soziale Bewegungen an globalen Allianzen? Neben empirischen Fallstudien oder Vergleichen sind wir insbesondere auch an theoretischen Perspektiven auf soziale Bewegungsforschung in Afrika interessiert.

Deadline für Abstracts: 15. Dezember 2010
Deadline für Artikel: 30. März 2011
Erscheinungstermin: Herbst 2011

Bitte senden Sie Ihr Abstract im Umfang von etwa 500 Wörtern sowie Informationen zu Ihrer Person als Word oder Pdf‐Dokument an die ThemenheftherausgeberInnen.

Nikolai Brandes (FU Berlin), nikolaibrandes(at)gmx.de
Bettina Engels (FU Berlin), bettina.engels(at)fu‐berlin.de

Für nähere Informationen über die Zeitschrift sehen Sie bitte: www.univie.ac.at/ecco/stichproben/

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