Keine weiteren Fragen (die tageszeitung, 27.11.2010)

Dieter Rucht ist das Gesicht der deutschen Bewegungsforschung, seit Jahrzehnten befragt er Demonstranten und sitzt in Talkshows. Jetzt geht er in Rente. Wer erforscht nun aktuelle Proteste?

VON FELIX DACHSEL UND MORTEN FREIDEL

Vielleicht wird Dieter Rucht auch noch in Talkshows eingeladen, wenn er im nächsten Jahr keine neuen Studien mehr vorzuweisen hat. Wenn der Protestforscher im Ruhestand ist und seine Forschungsgruppe in Berlin ihre Arbeit eingestellt hat. Vielleicht geht das mit den Talkshows dann trotzdem noch eine Weile so weiter. Weil sich die Fernsehmoderatoren an das Gesetz gewöhnt haben: Wenn die Gesellschaft laut wird, laden sie Dieter Rucht ein. Warum demonstrieren diese Leute? Rucht ist Bewegungsforscher, nicht der einzige, aber der bekannteste Deutschlands, er muss doch solche Fragen beantworten können.

So wie in Stuttgart im Herbst. Dieter Rucht sitzt in einem Studio des SWR. Er sieht aus, wie Forscher aussehen: Jackett über schwarzem T-Shirt, runde Brille, die Haare in latenter Unordnung. Er ist Gast in einer Sendung, die „Demokratie in der Krise?“ heißt. Gerade mal zwei Wochen sind vergangen, seit Wasserwerfer durch Stuttgarts Innenstadt rollten. Und weil ein Fragezeichen hinter dem Titel der Sendung steht, ist Dieter Rucht da und sieht sich einen Einspielfilm über wütende Bürger an. „Ich hab‘ mich scho lang‘ von dr Politik abgewandt“, sagt ein Mann aus Ettenheim bei Freiburg. Der Moderator wendet sich zu Rucht. Er soll den Schwaben die Welt erklären und der Welt die Schwaben. „Vielleicht können Sie aus wissenschaftlicher Sicht erklären, was da passiert ist, dass hier Zehntausende auf die Straße gehen.“ Rucht zögert. Er kann es nicht erklären. Noch nicht. Er ist Wissenschaftler, kein wütender Bürger aus Ettenheim bei Freiburg. „Wir können nicht in die Köpfe schauen. Wir haben eine Befragung vor“, sagt er.

Fünf Tage nach der Sendung löst Dieter Rucht sein Versprechen ein. Auf einer Stuttgart-21-Demonstration werden 1.500 Fragebögen verteilt. Rucht will ermitteln, woher der Protest kommt, was er will, wie alt er ist. Seine Studien können keine Fragen beantworten wie: „Demokratie in der Krise?“ Aber sie analysieren Herkunft und Zusammensetzung eines Protests.

Die Stuttgarter Demonstranten sind wohl die letzte große Bewegung, die Rucht wissenschaftlich begleitet. Er verbrachte die vergangenen Jahrzehnte mit der Erforschung von Protesten. Im Jahr 1980 untersuchte er den Widerstand gegen Atomkraft zwischen Wyhl und Gorleben, 1984 den Protest gegen Flughafenprojekte in Stuttgart, München und Frankfurt, vor zwei Jahren die Demonstrationen gegen den G-8-Gipfel in Heiligendamm. Im nächsten Jahr geht Rucht in Pension und verlässt das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Mit seiner Pensionierung endet auch die Arbeit der Forschungsgruppe „Zivilgesellschaft, Citizenship und politische Mobilisierung in Europa“, die sich mit Protest und sozialen Bewegungen befasst.

In Mode, aber unerforscht

„Forschungsgruppen am WZB sind von vornherein auf fünf Jahre begrenzt. Und diese Zeitspanne ist jetzt abgelaufen“, sagt Simon Teune, Mitarbeiter im Team von Dieter Rucht. Es habe zwar einen Antrag für eine Nachfolgegruppe gegeben, aber der war nicht erfolgreich. „Es gab keine aktiven Bestrebungen vom WZB, gegenwartsbezogene Bewegungsforschung in einer neuen Gruppe zu konzentrieren – das Protestthema ist definitiv weg“, sagt Teune. Strukturelle Gründe, heißt es vom Wissenschaftszentrum, ob ein Thema gerade en vogue sei, habe keine Auswirkungen auf die Vergabemechanismen von Forschungsgeldern.

Wenn Rucht im Ruhestand ist, gibt es in Deutschland nur noch eine Institution, die sich mit Protesten befasst – das Institut für soziale Bewegungen an der Ruhr Universität in Bochum. An vielen Universitäten forschen einzelne Wissenschaftler zu Bewegungsthemen, aber neben Berlin und Bochum gibt es kein Institut, das gezielt Forschung bündelt. Und viele, auch die Bochumer Forscher, beschäftigen sich mit der Vergangenheit. „Das Institut für soziale Bewegungen untersucht die Arbeiterbewegung, ein historisches Phänomen also“, sagt Simon Teune. Es gebe einen Widerspruch in der Forschung: Politik und Parteien, die Strukturen also, seien kein großes Mysterium mehr, sondern ausgiebig beleuchtet, trotzdem stürze sich die Wissenschaft auf sie. „Und ausgerechnet Bewegungen und Proteste, ein Bereich der kompliziert ist und immer wichtiger wird, hat einen so schweren Stand.“ Das Einwerben von Drittmitteln für Themen wie Bewegungen bleibt schwer, selbst wenn sie in Mode sind. Deshalb fehlen Forschungsgelder.

Auch Dieter Rucht selbst wundert sich. Schließlich müsse man nur die Zeitung aufschlagen. „Überall wird protestiert“, sagt er. Gegen Flugrouten in Berlin, gegen Olympia in Garmisch, für einen Kopfbahnhof in Stuttgart. „Die gegenwartsbezogene Bewegungsforschung verliert an Gewicht, die historische bleibt“, sagt Rucht. Er setzt trotzdem Hoffnung auf das Institut für soziale Bewegungen in Bochum. Dessen Leiter, der Historiker Klaus Tenfelde, werde bald emeritiert. So böte sich die Chance, das Institut neu auszurichten – auch an der Gegenwart. „Das ist eine Möglichkeit, die Bewegungsforschung weiterzuführen.“

Ein neues Gesicht

Was dann für die öffentliche Wahrnehmung von Protestforschung immer noch fehlt, ist ein neues Gesicht. Dieter Ruchts Name stand überall: Im Stern, der Freundin, im Neuen Deutschland und der Financial Times. Er erklärte nicht nur große Proteste, sondern auch kleine Phänomene wie etwa, warum unliebsame Politiker mit Eiern beworfen werden und nicht mit Kokosnüssen oder Äpfeln. Der Eierwerfer, sagt Rucht, wirft weiche Gegenstände, die zerplatzen und einen optischen Effekt hervorrufen, wie das langsame Hinunterfließen des Eigelbs. Der Eierwerfer will symbolhaft handeln. Deshalb schmeißt er nicht mit Äpfeln oder Kokosnüssen, die weh tun, aber keine Spuren hinterlassen. Solche Erklärungen muss bald ein anderer oder eine andere übernehmen.

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