„Ausverkauft und abgeschaltet? Politische Öffentlichkeit zwischen Pressekrise und digitaler Revolution.“ Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, Jg. 22, 2010, Heft 3

Wikileaks, Enquetekommission Internet und digitale Gesellschaft und iPad einerseits, anhaltende Finanzierungsprobleme von Qualitätsjournalismus und politischer Presse andererseits – der Strukturwandel der Öffentlichkeit 2.0 ist in vollem Gang. Das aktuelle Themenheft des Forschungsjournals Neue Soziale Bewegungen wagt in dieser Situation einen Blick auf die Produktionsbedingungen öffentlicher Meinung. Jenseits ausgetretener Kontroversen zwischen Bloggern und politischen Journalisten geben ausgewiesene Autoren mit sachkundigen Analysen Orientierungen zur Frage, welche Öffentlichkeit die Demokratie braucht und wie aktuelle Herausforderungen der öffentlichen Meinungsbildung zu bewerten sind.

Als einer der Mitinitiatoren des Kongresses „Öffentlichkeit und Demokratie“ (1.-3.Oktober in Berlin), den das Forschungsjournal im Rahmen einer Medienpartnerschaft unterstützt, stellt Dieter Rucht vom Wissenschaftszentrum Berlin aktuelle Befunde und Konzepte aus der sozialwissenschaftlichen Forschung vor. Die bekannte US-amerikanische Politikwissenschaftlerin Nancy Fraser skizziert auf den Spuren von Jürgen Habermas Konturen einer „Kritischen Theorie im neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit“. Sie demonstriert die unersetzliche Bedeutung einer vitalen Öffentlichkeit für demokratische Prozesse. Rüstzeug zu einem aufgeklärten Verständnis der Leistungen und Grenzen politischer Öffentlichkeit auf dem aktuellen Stand soziologischen Wissens bietet auch der Beitrag von Friedhelm Neidhardt zu Funktionen politischer Öffentlichkeit.

Weitere Beiträge liefern profunde Einschätzungen zum Zustand der politischen Öffentlichkeit zwischen Pressekrise und digitaler Revolution. Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz nehmen eine kritische Inspektion des Qualitätsjournalismus am Beispiel des Wirtschaftsjournalismus im Vorfeld der weltweiten Finanzkrise vor. Stephan Weichert und Leif Kramp stellen 15 Thesen zum Journalismus der Zukunft zur Diskussion und bilanzieren die Diskussion um neue Geschäftsmodelle und Bezahloptionen. Ute Pannen wirbt für eine unverstellte Wahrnehmung der sozialen Medien und sieht Chancen für eine neue politische Beteiligungskultur. Andreas Elter demonstriert allerdings auch die fortbestehenden Schwierigkeiten der deutschen Parteien, sich im digitalen Raum so souverän zu bewegen wie Barack Obama. Jan-Felix Schrape bietet eine Auswertung von aktuellen Daten zur Nutzung des Internet und leitet daraus einen fortbestehenden Bedarf an den Selektionsleistungen des professionellen Journalismus ab.

Auch Ansätze zur Gestaltung der politischen Öffentlichkeit werden nicht ausgeblendet: So plädiert Günter Bartsch als Geschäftsführer des Netzwerks Recherche für die Förderung des investigativen Journalismus. Und die grüne Bundestagsabgeordnete Tabea Rößner gibt Einblicke in die Arbeit der jüngst konstituierten Enquetekommission „Internet und digitale Gesellschaft“.

Ein Sonderschwerpunkt fasst die Ergebnisse des fünften „Forum Bürgergesellschaft“ zusammen, das die Stiftung „Bürger für Bürger“ jährlich in Schloss Diedersdorf bei Berlin ausrichtet. In diesem Jahr wurden „Eckpunkte einer Engagementstrategie für Ältere“ diskutiert.

Editorial und der Artikel von Dieter Rucht sind online verfügbar.

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