Unter dem Titel „Protest bewegt!“ fand vom 26.-27.3. am WZB zum zweiten Mal ein Workshop für Nachwuchs-BewegungsforscherInnen statt (Programm als pdf). Ziel der OrganisatorInnen war die temporäre Auflösung einer vielfach beklagten Vereinzelung des Nachwuchses im Bereich der Bewegungsforschung sowie der Austausch über die eigenen Projekte. Gemeinsame Klammer des Workshops war das Thema Protest, das von NachwuchswissenschaftlerInnen aus den Bereichen Soziologie, Politikwissenschaft und, erfreulicherweise sehr zahlreich, aus den Geschichtswissenschaften aufgegriffen wurde.

Der erste Tag bestand aus acht Vorträgen von DoktorandInnen mit anschließender Kommentierung durch eine etablierte WissenschaftlerIn und Diskussion durch das Plenum. Den Schlusspunkt setzte Dieter Rucht (WZB), der in einem Vortrag das Problem von „Nähe und Distanz“, nicht nur in der Bewegungsforschung, aufgriff. Er plädierte darin einerseits für eine gegenstandsangemessene Beantwortung der Frage von Nähe und Distanz. Andererseits bekannte er sich zu einer Forschung in der Tradition der Aufklärung, die aber ihre Wertgebundenheit an wissenschaftlichen Kriterien messen müsse.

Der zweite Tag war einer eingehenderen Beschäftigung mit den Themen „Transnationalisierung“ und „Geschichts-/Kulturwissenschaftliche Zugänge zu sozialen Bewegungen“ im Rahmen von Workshops vorbehalten. Abgerundet wurde die Veranstaltung durch einen Beitrag von Roland Roth (Magdeburg) zum Für und Wider einer nationalen Bewegungsgeschichte. Er verband die Beschreibung dieses Projekts mit einem Bekenntnis zur politischen Positionierung der Bewegungsforschung.

Charakteristisch für die Tagung war die inhaltliche Varianz der acht gehaltenen Vorträge , die von US-amerikanischen Deserteuren über Gewalt bei Protestereignissen bis zu ländlichen Frauenbewegungen reichten. Trotz dieser thematischen Streuung konzentrierten sich alle Beiträge auf die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts und die Diskussionen konzentrierten sich immer wieder auf gemeinsame Fragen und Probleme.

Sehr deutlich wurde, besonders im Vergleich zwischen Sozial- und Geschichtswissenschaften, die disziplinäre Prägung der Herangehensweise an das eigene Projekt. Zeitweise zeigte sich eine Betonung der Eigenheiten der Disziplinen durch Selbst- und Fremdcharakterisierungen der jeweiligen VertreterInnen: Erklären vs. Beschreiben oder konkrete Fragestellungen vs. Offenheit für den Gegenstand. Im Vordergrund stand aber über weite Strecken die konstruktive Diskussion über Möglichkeiten und Grenzen der transdisziplinären Verwendung oder Übernahme von Theorien. Was kann die sozialwissenschaftliche Theoriebildung zu sozialen Bewegungen für die Geschichtswissenschaft leisten? Ist es legitim Theoriefragmente zu „entwenden“, ohne ganze Theoriegerüste zu berücksichtigen? Welche Rolle spielen Theorien überhaupt?

Ebenfalls wie ein roter Faden liefen Fragen von Methoden und Empirie durch die Diskussionen. Etablierte Methoden wie die historische Quellenanalyse trafen dabei auf Video- oder Sequenzanalyse. Die Möglichkeiten und der Mehrwert von „neuen“ Methoden wurden dabei durchaus unterschiedlich gesehen. Immer wieder eingefordert wurde aber, unabhängig von den verwendeten Methoden, die Notwendigkeit, explizit zu machen, was zum eigenen Gegenstand gehört und wie die zu untersuchenden Fälle gesampelt werden.

Aus methodologischer Perspektive war es interessant, dass sich alle Projekte im qualitativen Paradigma verorten lassen. Daraus resultierend war eine bevorzugte Ansiedelung der Empirie auf der Mikroebene festzustellen. In der Diskussion wurde dies besonders in Bezug auf die Ausblendung von Rahmenbedingungen und die Schwierigkeit von Verallgemeinerbarkeit problematisiert.

Als Fazit bleibt, dass das Aufeinandertreffen verschiedener wissenschaftlicher Traditionen für die einzelnen Dissertationsprojekte interessant und bereichernd sein kann. In den Diskussionen über die Vorträge kam es zu einer Vielzahl von Vorschlägen zu möglichen Perspektiverweiterungen sowie zusätzlichen Methoden und Theorien.

Max Schulte